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Zustand: Dazwischen

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Es fängt meistens ganz harmlos an. Nach dem Arztbesuch ein Eis. Zwei Bällchen. Das Versprechen, dass wenigstens für drei Minuten alles gut ist.
Ich stehe also in der Schlange, vor mir ein Vater mit schreiendem Kleinkind, hinter mir eine Frau mit Bio-Baumwolltasche.
Aber als ich endlich dran bin und „Nur Joghurt, bitte“ sage, weiß ich bereits: Das hier ist keine harmlose Handlung. Es ist ein politischer Akt. Eine Umweltfrage. Ein Statement über Gerechtigkeit, Klimawandel, Konsumkritik. Kurzum: Es ist ein Balanceakt – zwischen meinem Bedürfnis nach Genuss und dem Rest der Welt.

Denn, während das Eis schmilzt, wenn ich es nicht schnell genug esse, schmelzen auch die Polarkappen. Und während ich mir nach dem Genuss die Finger abschlecke, verhungert im Gaza vielleicht gerade ein Kind, ein anderes wird in der Ukraine von einer Bombe getroffen. Und während ich mit dem Auto bei laufender Klimaanlage nach Hause fahre, wirbeln meine Reifen unablässig kleinste Mikroplastikteilchen in die Luft, die später in unserem Blut, in unseren Organen oder Hirnen nachzuweisen sein werden. (Aber wenigstens höre ich dabei einen Podcast über Nachhaltigkeit.)

Mein Leben ist diese Art von Leben, die man früher Alltag nannte. Heute ist es ein moralischer Hindernislauf. Ich kann kein Obst mehr kaufen, ohne über CO₂-Bilanzen und Plastikverpackungen nachzudenken. Ich kann keine mehr Reise planen, ohne meinen ökologischen Fußabdruck vor mir selbst zu rechtfertigen. Und selbst das Nichts-Tun wird politisch. Denn: Wer sich nicht engagiert, der macht sich schuldig. (Wer sich engagiert, leider auch.)

Und so lebe ich in einem Zustand des permanenten Dazwischen. Zwischen Ideal und Realität, zwischen Wissen und Handeln, zwischen dem Wunsch, Teil der Lösung zu sein, und der Tatsache, dass ich manchmal einfach nur kurz meine Ruhe will. Eine Stunde Stille, eine Fahrt ins Restaurant, eine Kugel Eis. Ohne die Stimme im Hinterkopf, die flüstert: Lass es! Du weißt es doch besser.

Natürlich weiß ich es besser. Wir alle wissen es besser. Oder zu viel. Das ist vielleicht das größte Problem. Es gibt kein Zurück mehr in die gedankenlose Leichtigkeit. Wir sehen die Risse im System, und selbst wenn wir sie nicht sehen, dann fühlen wir sie.

Aber, und hier kommt die Überraschung: Ich glaube nicht, dass das alles per se schlecht ist. Ich glaube vielmehr, dieses Dazwischen ist nicht einfach das Ende, sondern eher ein Anfang. Es zeigt, dass wir nicht mehr nur funktionieren. Dass wir anfangen, uns zu interessieren, Dinge zu hinterfragen, immer öfter und immer lauter. Und wer sich interessiert und hinterfragt, verändert auf Dauer etwas.

Am Ende geht es nämlich nicht darum, das perfekte Leben zu führen, sondern das widersprüchliche auszuhalten. Und nicht immer alles richtig zu machen, aber vieles immer besser. Ich finde, das ist ein wirklich guter Anfang.

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