Als Kind war „Urlaub“ ein Fremdwort. Nicht metaphorisch – ganz konkret. Wir hatten kein Geld. Aber das war in den Siebzigern keine persönliche Tragödie, sondern gesellschaftliche Realität. Trotzdem klang das Wort für mich immer wie ein Versprechen: nach Freiheit, nach Faulsein, nach Sonne und Meer. Nach Sehnsucht, die sich in Plastikeimern und Postkarten manifestierte.
Später, als junge Frau mit Partner, wurde das Wort dann Wirklichkeit. Der erste Urlaub: irgendwo in Italien, zwischen romantischer Vorstellung und tatsächlicher Enttäuschung. Es war schön – aber nicht so schön wie erwartet.
Seitdem ist viel Zeit vergangen. Urlaube sind längst ins Familienprogramm integriert. Sie tauchen zuverlässig auf, mindestens einmal jährlich, wie die Steuererklärung oder der Hausarzttermin. Aber inzwischen fahre ich nur noch mit gemischten Gefühlen. Irgendwann, zwischen einem überteuerten Ferienhaus in der Toskana und einer klammen Wohnung in Kroatien, habe ich nämlich begriffen: Das funktioniert nicht mehr. Nicht für mich.
Wie kann ich zu Hause noch über Klimaschutz referieren, über die Photovoltaikanlage auf dem Dach und die neuesten CO₂-Kompensations-Apps – und dann vierzehn Stunden und mehr im nicht elektrischen Auto Richtung Süden schleichen (ohne Stau geht’s längst nicht mehr). Und wie kann ich dabei so tun, als wäre das „etwas anderes“?
Endlich angekommen ist es zu heiß, zu laut, zu touristisch. Das Ferienhaus muffelt dezent und die Kaffeemaschine ist entweder kaputt oder verlangt nach einem Kapselsystem, das nur in Spezialgeschäften verkauft wird – die natürlich nirgendwo zu finden sind. Es gibt keine Spülmaschine, dafür Ameisenkolonnen die über den Küchentisch laufen. Und irgendwo ein Geruch, der sich nicht einordnen lässt – etwas zwischen Feuchtigkeit, Abfluss und einer Geschichte, die man lieber nicht zu Ende denkt.
Mein Mann freut sich trotzdem. Natürlich. Er hat Listen geschrieben, Reiseführer auswendig gelernt, seine Italienischkenntnisse aufgefrischt. Er freut sich auf Bistecca Fiorentina, Scampi, Meeresfrüchte. Ich esse derweil Zucchini. Auberginen. Paprika. Im besseren Fall. Im schlechteren: Pasta mit Butter. Und einem Hauch Salbei. Hauptsache authentisch.
Und das Meer? Alle sagen: wunderschön. Ich sehe Sonnenliegen in Reih und Glied, Sonnenmilch auf Plastikkörpern, dazwischen Plastikflaschen. Und die Erkenntnis, dass „Strand“ auch nur ein weiteres Wort ist, dem wir zu viel Bedeutung aufgeladen haben.
Natürlich sage ich nichts – oder nicht viel. Weil niemand gern mit einer miesepetrigen Realistin am Pool sitzt. Urlaub ist schließlich Pause vom Denken. Das ist die eigentliche Regel.
Derweil stapeln sich die Einwegflaschen in der Küche. Die Klimaanlage läuft durch. Im Restaurant wird bestellt, als gäbe es kein Morgen – weil wir es uns doch verdient haben.
Haben wir?
Ich weiß es nicht. Ich glaube eher: Wir sind müde. Nicht vom Alltag, sondern von dieser Welt, die wir selbst gebaut haben. Müde, aber zu feige für den radikalen Ausstieg. Und deshalb suchen wir immer wieder Orte, die nach Ausstieg aussehen – und bauen sie dann sofort um, in ein Abbild unseres Lebens zu Hause.
Mit Checklisten. Mit Bewertungen. Mit Fotos.
Ich bin nicht besser, ich mache mit. Aber der Gedanke wächst: Vielleicht beginnt echter Urlaub nicht da, wo man hinfährt – sondern da, wo man bleibt.
Zu Hause. Mit offenem Fenster. Mit Stille. Mit Spülmaschine. Mit echtem Kaffee.
Und ohne schlechtes Gewissen.