Also, ich stehe ja in einigermaßen engem Austausch mit einigen Kolleginnen oder Menschen, die sich im Literaturbetrieb auskennen. Und ich muss sagen: Die Gespräche drehen sich längst nicht mehr nur um Fragen zum Aufbau eines Plots oder zur Entwicklung der Charaktere, sondern immer öfter darum, dass zwar immer noch jede Menge Bücher veröffentlich, aber immer weniger gelesen werden. Das führt in der Szene zu einem stillen, hartnäckigen immer größer werdenden Unbehagen. Es ist ein bisschen, als würde in der ganzen Branche eine Lücke entstehen, die immer breiter wird, während man gleichzeitig versucht, sie – wenigstens nach außen – (noch) zu ignorieren.
Die Gründe sind vielfältig, allem voran steht wohl das veränderte Leseverhalten in einer überfütterten Gesellschaft. Früher war Lesen noch ein Fenster zur Welt, heute ist es – jedenfalls für viele – ein eher veralteter Luxus. Zwischen Pushnachrichten, Dauerbeschallung und Reels von maximal 30 Sekunden wirkt ein Roman wie eine Einladung zur Langeweile. In einer Gesellschaft, die Geschwindigkeit mit Intelligenz verwechselt, hat das gedruckte Buch also schon per se einen schweren Stand.
Dazu kommt, dass gerade bei jungen Menschen die Lesekompetenz bedenklich auf dem Rückzug ist – nicht weil sie dümmer sind, sondern weil das System es ihnen abgewöhnt hat. Schulen kämpfen mit maroden Strukturen, Eltern mit Zeitmangel, und alte Bücher stehen allenfalls noch im Regal. Wie Mahnmale einer untergehenden Kultur.
Bücher müssen ge- und verkauft werden. Das ist die Grundlage. Doch was früher ein halbwegs stabiles Geschäftsmodell war, gleicht heute einem Drahtseilakt. Papier wird teurer, Logistik wird teurer, Löhne steigen (zumindest theoretisch) – und am Ende bleiben immer mehr Verlage und Buchhandlungen auf der Strecke
Natürlich leiden auch viele Menschen (und damit Potentielle Kund*innen) unter den Folgen der Inflation. Bücher zählen im Alltag nicht zu den überlebenswichtigen Anschaffungen. (Kultur wird zur Nebensache, wenn der Kühlschrank leer ist.) Und so setzt sich das Bild von leeren Geschäften immer mehr durch, häufig genau da, wo früher einmal eine Buchhandlung war. (Jetzt gibt es dort Bubble Tea, ein Nagelstudio oder einen Barbierladen.)
Leider stirbt der stationäre Buchhandel nicht spektakulär, sondern sehr leise. Er ist einem System ausgeliefert, das immer mehr auf Effizienz und Bequemlichkeit optimiert ist und von dem vor allem Onlinehändler wie Amazon profitieren. Sie diktieren Konditionen, drängen unabhängige Anbieter an den Rand. Dass Beratung, Begegnungen, persönliche Empfehlungen dabei zur Nebensache werden, spielt keine Rolle mehr. Was bleibt, ist ein homogenes Angebot aus Bestsellern, Ratgeberliteratur und Young-Adult-„Lesefutter“.
Und was machen wir Autoren?
Schreiben ist Berufung, ja – aber auch Arbeit. Und zwar oft (und immer öfter) schlecht bezahlte. Die Honorare stagnieren, die Rechteverträge werden komplexer, die Vermarktung liegt zunehmend bei den Autorinnen und Autoren selbst. Social Media wird zur Pflichtveranstaltung, gleichzeitig blüht das Selfpublishing. Theoretisch mag das als eine Demokratisierung des Buchmarkts gesehen werden, praktisch jedoch ist es nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Konkurrenz wächst, die Sichtbarkeit sinkt, und das literarische Mittelmaß sich immer weiter ausdehnt.
Und jetzt?
Die Diagnose ist deutlich, doch was folgt daraus? Der Markt wird sich nicht in die Zeit der kleinen Verlage und großen Ideen zurückverwandeln. Aber er kann sich vielleicht wenigstens zu einem Teil neu erfinden. Denn das Problem ist ja nicht, dass es keine guten Bücher mehr gäbe, sondern dass sie zu wenig gelesen werden. Es braucht also eine neue Strategie. Vielleicht wäre eine gezielte Förderung von Lesekompetenz an Schulen hilfreich oder die Unterstützung unabhängiger Buchhandlungen oder faire Vertragsbedingungen für Autor*innen.
Das soll jetzt aber kein Abgesang auf das klassische Buch sein, auch kein nostalgisches Lamento. Nur der Versuch, zu benennen, was derzeit auf dem Buchmarkt so passiert. Wir müssen uns also fragen, wie wir darauf reagieren wollen – als Autoren, Verlage, Agenturen, Branche, oder schlicht als Leserinnen und Leser.
Denn die Krise des Buchmarkts ist keine Randnotiz. Sie betrifft uns alle – ob wir lesen oder nicht. Lesen ist nämlich nicht nur Freizeitgestaltung, sondern demokratische Praxis. Wer liest, kann unterscheiden, hinterfragen und denken. Und wer aufhört zu lesen?
Wir brauchen auf jeden Fall eine gesellschaftliche Diskussion darüber, welchen Wert wir Büchern überhaupt noch beimessen wollen.
Danke für eure Aufmerksamkeit.