27. Kapitel
Rosa
Als Rosa zwei Stunden später das Pflegeheim betritt, ist sie enttäuscht. Der Empfang ist leer. Auf dem Tresen steht lediglich ein Schild mit der Ziffer Zehn. Die kann man im Bedarfsfall mit dem bereitstehenden Telefon anrufen. Im Bedarfsfall heißt: wenn man ein Problem hat. Rosa hat viele Problem, aber keinen Bedarfsfall. Sie hätte Conni nur gerne getroffen, einfach so und um zu schauen, ob man da anknüpfen kann, wo man gestern aufgehört hat.
Sie nimmt die Treppe, bis zum ersten Stock noch zwei Stufen auf einmal. Aber auch im Zimmer ihres Vaters findet sie erwartungsgemäß nichts, was dem Tag noch eine versöhnliche Wendung geben könnte. Es riecht wie immer (eine Mischung aus Desinfektionsmitteln und etwas, das sie lieber nicht benennen will) und ihr Vater hängt in seinem Sessel wie eine schlecht platzierte Schaufensterpuppe – mit leicht geöffnetem Mund und dem Blick auf Halbacht. Daneben Anni, die ehemalige Sängerin mit einem Hang zu Blumenkleidern und Puderduft. Getoppt wird das Ganze von Vicky Leandros, die aus dem CD-Player dudelt und noch immer das Leben liebt. Anni und ihr Vater wippen dazu ernsthaft und synchron mit den Köpfen. Immer schön im Takt. Als wäre das hier eine Szene aus einem französischen Arthouse-Film über das Altwerden.
Rosa bleibt stehen. Einen Moment weiß sie nicht, was sie dazu sagen soll. Schließlich bringt sie ein halblautes „Hallo“ raus.
„Hallo, Rosa.“
Rosa ist überrascht. Die Frau hat sich tatsächlich ihren Namen gemerkt.
„Wir hören ein bissel Musik zusammen, ihr Herr Vater und ich. Aber wenn ich störe, …“
„Nein, nein, bleiben Sie ruhig.“
Ihr Vater nickt dazu weiter, jedes Nicken wie ein Ausrufezeichen. Obwohl Rosa nicht weiß, ob es Anni gilt oder Vicky. Oder auch seiner Tochter. Sie zieht einen Stuhl neben seinen Sessel und betrachtet ihn, als würde sie ein altes Foto betrachten. Sein Gesicht sieht aus wie eine Landkarte.
„Das hast du früher auch immer mit Mama gehört, weißt du noch?“
Es trifft sie ein Blick voller Unverständnis.
„Mama. Deine Frau. Erika“, hilft Rosa ihm auf die Sprünge.
Jetzt klärt sich sein Gesicht, für einen Moment sieht es aus, als habe er etwas begriffen. Aber der nächste Satz schleudert Rosa schon wieder zurück in die Realität: „Ich will Kuchen.“
Sie stöhnt. „Ja, klar. Die Cafeteria macht gleich auf, dann hol ich uns welchen. Was magst du denn haben? Käsekuchen? Oder lieber Erdbeer?“
„Ich will Kuchen.“
Rosa schaut auf die Uhr. „Noch zehn Minuten.“
„Das sagst du immer.“
Sie sagt es nie. Oder nur, wenn es auch zutrifft. Aber es würde nichts nutzen, ihm das zu erklären.
Anni steht auf. „Ich lass euch besser allein.“ Sie tätschelt seine Hand. „Aber morgen schau ich wieder rein, gell Heinz“
„Nein, nein, Sie können ruhig bleiben“, sagt Rosa schnell. „Ich glaube, er freut sich, wenn Sie da sind.“ Tatsächlich freut sie sich selbst, denn in gewisser Weise, ist es entlastend, nicht alleine mit ihm zu sein.
Anni nickt gnädig und Heinz dreht seinen Kopf in ihre Richtung. „Wo ist Erika?“
„Kommt sicher gleich“, sagt Anni.
„Schau mal.“ Rosa zeigt auf ein Foto an der Wand. „Da ist sie doch.“
Jetzt nickt er zufrieden. „Sie war gestern da.“
„Das freut mich“, sagt Anni.
Er taucht wieder ab. Das sieht sie an seinem Blick, der ganz leer wird. Als wäre er in einem anderen Universum. Die Zeit läuft anders bei ihm. Langsamer oder vielleicht auch schneller, sie weiß es nicht. Auf jeden Fall ist er nie da, wo sie gerade ist. Rosa nimmt seine Hand, versucht eine Verbindung herzustellen. Aber die Hand ist kalt, fast schon stumpf, wie ein Stück Fleisch, das man draußen vergessen hat. Sie lässt ihn wieder los.
„Hast du denn schon was getrunken?“
Er nickt und Rosa hebt das Wasserglas an seine Lippen. Er schluckt, ganz mechanisch. Sein Kopf wippt dabei weiter, als hätte jemand vergessen, den Takt auszuschalten. Was zur Folge hat, dass die Hälfte der Flüssigkeit daneben geht.
„Mensch, Papa. Halt doch mal still.“
„Halt doch mal still, Kind“, antwortet er und lächelt.
Irgendwo zwischen all dem Ungesagten fängt es plötzlich an, in ihrer Kehle zu brennen. Sie schluckt und reißt sich zusammen. Kein Grund zum Heulen. Nicht wegen einem dummen Satz. Halt doch mal still, Kind.
Heinz war nie besonders herzlich mit ihr. Nie wirklich da. Kein Vater, an den sie sich anlehnen konnte. Warum um alles in der Welt, bringt sie jetzt ein einziger Satz fast zum Heulen. Und warum tut es ihr trotzdem weh, zu sehen, wie er jeden Tag ein bisschen mehr verschwindet. Und mit seinem eigenen Verschwinden, verschwinden auch all die Wörter, die ihn ausgemacht haben. Die vielen Vorwürfe, die unausgesprochenen und die gesagten.
Es klopft. Conni steckt den Kopf rein.
„Darf ich kurz stören?“
„Klar“, sagt Rosa in diesem Tonfall, der den Kloß nicht verraten soll.
Doch Connis warmes: „Oh, hallo Frau Großmann? Das ist ja schön, dass Sie Herrn Mayen Gesellschaft leisten“ erinnert Rosa gleich wieder daran, dass genau das bei Conni keine Rolle spielt.
„Rosa, hast du eine Minute?“
„Klar.“ Sie steht auf. „Ich wollte sowieso gerade Kuchen holen.“
„Mir können Sie bitte ein Stückel Erdbeerkuchen mitbringen, wenn’s noch welchen hat“, sagt Anni, die mit ihren 87 Jahren noch mehr Klarheit im Kopf hat, als so mancher Mittvierziger. Sie zieht einen Zehn-Euro-Schein aus der Tasche und drückt ihn in Rosas Hand.
„Ist gerade frischer gekommen“, lächelt Conni.
Als Rosa mit Conni vor der Tür steht, legt die ihr ohne Umschweife eine Hand auf die Schulter. „Ist alles okay bei dir.“
Rosa atmet tief, schluckt. „Ja. Es ist nur… manchmal, wenn ich merke, wie er immer mehr verschwindet…. Da sind so viele Sachen nicht geklärt zwischen uns.“ Sie schüttelt den Kopf. „Egal. Was wolltest du mir sagen?“
„Ich wollte dich zum Essen einladen.“
„Zum Essen? Das brauchst du nicht, das wäre ….“
„Ich möchte es aber. Bei mir zu Hause. Ich könnte uns was Schönes kochen.“
Rosa ist unschlüssig.
„Heute Abend?“
Sie zögert noch immer. Einerseits würde sie gerne zusagen, aber gleichzeitig ist da so ein dumpfes Gefühl. Ist es nicht genau das, was sie eigentlich vermeiden wollte? Nähe, Zuwendung. Zu viel und zu direkt. Küchenabende mit Duft und Gefühl. Und mit Gesprächen, die sich verselbstständigen und ihr etwas vorgaukeln, was sich am Ende nicht verwirklichen lässt.
„Wir können auch einen anderen Termin finden“, schlägt Conni vor. „Oder, wenn du nicht magst, ist es auch …“
Während der eine Teil in Rosa noch immer zögert, hat der andere schon die Regiefäden in die Hand genommen. „„Ne, ne, das geht schon. Heute Abend hab ich Zeit. Wann soll’s denn losgehen?“