25. Kapitel
Rosa
Rosa steht im Schlafzimmer und glotzt in ihren Kleiderschrank. Sie steht vor einem wichtigen persönlichen Verkaufsgespräch und vor jedem persönlichen Verkaufsgespräch steht die Kleiderfrage.
Ein Teil von ihr will souverän wirken – Businessfrau mit Plan, die auf dem Weg zum Kunden natürlich schon den nächsten Akquise-Termin plant. Der andere Teil will einfach was anziehen, das nicht zwickt, rutscht oder an den Oberschenkeln klebt.
Sie zieht ein schwarzes Kleid raus. Klassisch. Knielang. Zeitlos. Aber auch ein bisschen beerdigungsmäßig.
Vielleicht den Hosenanzug. Anthrazit. Der war teuer, aber er ist auch noch aus einer Zeit, in der sie noch dachte, man müsste immer so aussehen, als würde man gleich eine Hauptversammlung leiten. Außerdem ist er inzwischen zwei Nummern zu klein.
Das Problem ist: Sie weiß genau, wie sie wirken will. Kompetent. Locker. Souverän. Aber nicht arrogant oder abgehoben. Kreativ, aber nicht durchgeknallt. Das Problem ist allerdings auch: Es gibt kein Kleidungsstück, auf das das alles zutrifft. Zumindest keines, das ihr noch passt.
Am Ende entscheidet Rosa sich für ein weißes Hemd und eine Hose mit Bügelfalte. Das Hemd ist oversized, aber nicht zu sehr. Lässig, aber klar. Die Hose zwickt hinten am Bund ein bisschen, wenn sie länger sitzt, aber das ist nichts, was sich nicht mit geschicktem Atmen regeln lässt.
Sie schaut in den Spiegel und dreht sich. Checkt den Kragen, den Ausschnitt, die Hose von hinten. Dann noch mal von vorn. Macht sich selbst klar, dass sie den Typen ja nicht heiraten will, nur beeindrucken. Immerhin war er es, der sich gestern bei ihr gemeldet hat. Nicht umgekehrt.
Der Typ ist Chef eines mittelständischen Betriebs und er braucht eine neue Webseite. Dass er offensichtlich nicht mal genau weiß, was das heißt, hat Rosa gleich gemerkt. Also hat sie ihm ein paar Begriffe vor die Füße geworfen, so etwas wie: Responsives Design, Content-Management-System, HTML, CSS, SEO. Das hat ihn hörbar beeindruckt. Vielleicht auch ein bisschen überfordert, aber das zählt ja auch als Wirkung.
Als sie dann noch Social Media Integration ins Spiel gebracht hat, hat er sich geräuspert, dieses Geräusch, dass Männer immer machen, wenn sie nicht zugeben wollen, dass sie gerade auf einem Bein innerlich umgefallen sind, und gesagt, sie solle morgen gegen 14 Uhr bei ihm vorbeikommen, um die Details zu klären. Wenn sie also jetzt nicht spontan alles ruiniert oder plötzlich an Herzstillstand stirbt, dann hat sie den Auftrag so gut wie in der Tasche.
Rosa schaut auf die Uhr. Es ist halb eins, sie ist gut in der Zeit. Ihre Hände sind leicht verschwitzt, aber nicht zittrig. Ein gutes Zeichen.
Auf dem Schreibtisch – ihrem neuen Arbeitsplatz im Schlafzimmer – liegt schon das Notizbuch bereit. Klare Struktur. Klare Gedanken. Klarer Plan.
Webseiten sind wie Häuser. Erst das Fundament. Dann der Aufbau. Keine Kunst, aber ein System. Zielgruppe. Navigation. Unterseiten. Verknüpfungen. Design. Übersichtlichkeit. Dann der Feinschliff: Farben, die nicht weh tun. Schriften, die nicht schreien, Bilder, die was aussagen. Vielleicht Videos, wenn der Kunde möchte.
Und mit ein bisschen Charme verkauft sie ihm auch noch das Rundum-sorglos-Paket. Betreuung inklusive. Kleines Monatsabo, große Wirkung. Win-win.
Sie will sich gerade auf den Weg machen, als ihr Handy ein leises Geräusch von sich gibt. Sie stockt, denkt an ihren Vater. Irgendwas ist immer. Es ist auch tatsächlich eine Nachricht aus dem Heim, allerdings privat. Von Conni, wie Rosa Frau Landauer seit gestern nennt.
Nochmals vielen Dank für die Kaffeeeinladung gestern. Würde mich die Tage gerne mal revanchieren. Gruß Conni
Rosa widersteht dem Impuls, sofort anzurufen. Nicht, weil sie nicht will. Sondern weil sie es nicht gleich wieder übertreiben will. Den Fehler hat sie früher oft gemacht. Zu schnell. Zu direkt. Zu viel. Ein Missverständnis, das sich mit der Präzision eines Uhrwerks und wie in einem schlechten Film, viel zu oft in ihrem Leben wiederholt hat.
Und bei aller Sympathie: Ein wenig seltsam ist sie ja schon, diese Conni. Allerdings nicht so, wie Rosa zuerst gedacht hat. Sie hatte die Frau bereits als typische Bürokraft kategorisiert. Pflichtbewusst und nett. Also Typ langweilig. Aber dann waren da diese Gespräche gestern. Erst das offizielle, dann das in der Cafeteria. Überraschenderweise ist es sogar richtig lustig gewesen. Sie haben zusammen gelacht. Über Patienten, über Politik, auch über Rosas Vater, der nachts nach seiner Frau ruft und tagsüber nicht weiß, wer seine Tochter ist. An dem Punkt war es dann nur noch Rosa, die gelacht hat. Und geredet. Über ihre Kindheit, diesem großen Wunsch nach einem eigenen Hund, den ihr der Vater immer verboten und einmal beinah aus dem Leib geprügelt hat.
Und Conni? Hat einfach zugehört. Nicht wie jemand, der muss, sondern wie jemand, der will.
Es ist lange her, dass Rosa so etwas erlebt hat.
Die meisten Menschen in ihrem Leben wollen etwas von ihr, auch Ben. Aufmerksamkeit. Geld. Hilfe. Nähe, wenn es ihnen passt. Aber Conni wollte nichts. Sie war einfach da. Keine Erwartung, kein Getue. Naiv, hat Rosa zuerst gedacht. Aber vielleicht ist Conni einfach nur nicht so zynisch wie der Rest der Welt.
Der Termin fällt ihr wieder ein. Mist. Jetzt wird es doch noch eng. Sie schnappt sich den Schlüssel und rennt zum Auto.