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Boomerang – Zurück auf Los

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24. Kapitel

Rosa

Rosa geht zum Tresen der Rezeption und versucht ruhig zu bleiben, auch wenn es innerlich in ihr brodelt. Ihr Vater macht sie so langsam fertig. Seit Tagen ist er so aufgedreht, als hätte man seine Batterie hochgeschraubt und jetzt will er nicht mal mehr im Rollstuhl sitzen bleiben. Und sie will, dass das mal jemand ernst nimmt. Und dass sich endlich mal gekümmert wird. Und zwar so richtig. Nicht nur dieses „Wir beobachten das“ oder „Das hängt mit seiner Erkrankung zusammen“. Wenn er so drauf ist, ist nichts und niemand sicher vor ihm, schon gar nicht er selbst.

Frau Landauer schaut auf. Nett und adrett wie immer. Die Bluse gebügelt, die Haare frisch gekämmt. Diese Frau sitzt hier wie das Aushängeschild der Pflegeeinrichtung und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

„Hallo, Frau Mayen, was kann ich für Sie tun?“ fragt sie mit dieser Mischung aus Geduld und Profi-Blick.

„Hallo. Mein Vater ist heute wieder so extrem unruhig. Er bleibt nicht in seinem Rollstuhl sitzen und zappelt rum wie ein Durazell-Häschen. Kann man ihm nicht was geben? Ein Beruhigungsmittel?“

Typisch. Gleich wieder mit der Tür ins Haus. Aber Frau Landauer nickt so verständnisvoll, als hätte sie nichts anderes erwartet. Rosa ist trotzdem auf der Hut. Es ist schließlich nicht das erste Gespräch dieser Art, das sie in diesem Heim führt. Und dieses Mal ist sie entschlossen, sich nicht wieder mit einem Scheiß-Nicken zufrieden zu geben. Hier wurde schon viel zu viel genickt.

„Also ja?“

„Ich kümmere mich darum.“

„Kann ich mich darauf verlassen?“ hakt Rosa nach. Sie will jetzt keine Floskeln mehr, sie will endlich Sicherheit.

Frau Landauer bleibt weiter professionell. Sie ignoriert den pampigen Ton, greift zum Hörer und spricht mit der Pflegeleitung. Dann nickt sie wieder.

„Es kommt gleich jemand, er bekommt ein Beruhigungsmittel.“

„Was heißt gleich?“

Die Rezeptionistin sieht sie an. „Das kann ich Ihnen jetzt auf die Minute nicht sagen, aber noch vor dem Mittagessen.“ Und dann, wie jemand, der gerade eine spontane Idee hat: „Wir führen Berichte über unsere Patienten. Ich kann Ihnen zwar keine direkte Einsicht geben, aber ich könnte uns einen kleinen Überblick verschaffen. Vielleicht lässt sich ja ein Muster erkennen. Etwas, das uns hilft zu verstehen, woher diese Unruhe kommt.“

Rosa ist so perplex, dass sie einen Moment braucht, bis das Gesagte in ihrem Kopf ankommt. „Das würden Sie tun?“

Frau Landauer nickt ruhig. Kein Drama. Kein: Ich brech hier gerade das Protokoll. Nur ein sachliches: „Klar. Manchmal hilft so ein Außenblick.“ Und schon hauen ihre Finger auf die Tastatur. Nicht lange und sie verharrt in der letzten Bewegung. Sie schaut dabei so konzentriert auf den Bildschirm, als wollte sie das neueste Börsendiagramm analysieren.

Rosa kennt diesen Blick – sie hat ihn selbst perfektioniert. So etwas kommt immer gut bei Kunden an, gerade wenn man besonders professionell wirken will.

„Und?“, fragt sie ungeduldig. „Haben Sie etwas entdeckt?“

„Also, es gibt da so ein paar Dinge, die auffallend sind. Zum Beispiel schläft Ihr Vater häufig vor dem Fernseher ein und kann, wenn er dann ins Bett gebracht wird, natürlich nicht mehr einschlafen. Dann tappt er nachts über den Flur und muss wieder eingefangen werden.“ Sie scrollt weiter. „Außerdem verpasst er öfter das Essen und bekommt etwas nachgereicht. Auch hier lässt sich erkennen, dass spätes Essen für Unruhe in der Nacht sorgt.“ Sie sieht Rosa an. „Seine Unruhe am Tag könnte also etwas mit chronischer Übermüdung zu tun haben. Ihm fehlt Schlaf.“

„Okay.“ Rosa stützt die Arme auf den Tresen. „Und was lässt sich mit diesen Erkenntnissen anfangen?

„Möglicherweise wären ruhigere Routinen hilfreich. Also kein Fernsehen unmittelbar vor dem Schlafen und ein Abholdienst, der ihn rechtzeitig zum Speisesaal bringt.“

„Klingt logisch, und das mit dem Abholdienst kriegt ihr auch sicher hin, aber wie soll man ihn denn vom Fernsehen abhalten? Ich bezweifle, dass mein Vater freiwillig aufgibt, was er für seine letzte verbliebene Freiheit hält.“

„Ich werde mit der Pflegeleitung reden“, verspricht Frau Landauer ruhig. „Der Hausmeister könnte eine Art Zeitschaltuhr anbringen. Das wird öfter praktiziert – natürlich nur mit Ihrem Einverständnis.“

„Die können Sie haben.“ Sie lacht spöttisch. „Und wenn mein Vater dann rebelliert, kann er sich ja an den Hausmeister wenden.“

Frau Landauer lächelt kurz mit gerunzelter Stirn. Sie sieht aus, wie jemand, der verstanden hat, dass ein Witz gemacht wurde, nur den Witz selbst nicht. „Gut. Dann ist das geklärt“, fasst sie zusammen und scrollt weiter. „Ach, da ist noch etwas: Er ruft im Schlaf oft nach seiner Frau.“

Rosa atmet tief durch. „Meine Mutter ist vor zwölf Jahren gestorben.“

„Wenn Ihre Stimme der Ihrer Mutter ähnelt, dann könnten Sie ein paar Audiodateien aufnehmen und die könnte man ihm abends vorspielen. Damit haben wir schon gute Erfahrungen gemacht.“

„Das wird nicht funktionieren“, schüttelt Rosa den Kopf. „Unsere Stimmen waren zu unterschiedlich.“

„Vielleicht hilft es ja trotzdem“, beharrt die Frau. „Sie sind seine Tochter.“

Ja, danke schön. Das weiß sie selbst. Jedenfalls biologisch. Aber sie und ihr Vater standen sich nie besonders nah und die Nähe, die nun durch die Krankheit erzwungen wird, fühlt sich für Rosa eher an, als würde sie eine Rolle spielen, für die sie kein Skript hat.

„Sie sind seine Tochter“, sagt Frau Landauer wieder. Vermutlich meint sie es als Argument, aber Rosa hört es inzwischen eher als Vorwurf. „Es wäre doch zumindest einen Versuch wert.“

Rosa fällt ein, wie sie damals, nach dem Tod ihrer Mutter, zusammen am Küchentisch gesessen haben: Er völlig versunken in seine Trauer, nichts mehr um sich herum wahrnehmend, als den eigenen Schmerz, und sie, die so gerne mit ihm gemeinsam getrauert hätte. Doch dafür war kein Platz.

Sie schüttelt den Kopf. „Ich glaube nicht.“

„Na gut“, lenkt Frau Landauer ein, auch wenn sie immer noch nicht überzeugt klingt. Eher wie jemand, der gerade den ersten Plan vom Tisch räumt, aber schon den nächsten im Petto hat. „Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten. Hatten Ihre Eltern einen ähnlichen Musikgeschmack?“

„Teilweise“, sagt Rosa und denkt an Rex Gildo und Mireille Mathieu.

„Gut. Vielleicht beruhigt es ihn, wenn er abends die Musik hört, die er auch mit ihrer Mutter gehört hat.“

„Also, ich weiß nicht“, sagt Rosa und hört selbst, wie skeptisch sie schon wieder klingt. So kommen sie nicht weiter. Aber Schlager als Therapie? Warum nicht gleich ein paar Lavendelkerzen dazustellen und ihm statt Tabletten abends einen Joint drehen.

„Es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert“, beharrt die Dame am Empfang.

Rosa kann es sich zwar noch immer nicht vorstellen, aber wenn sie zu allem Nein sagt, kommen sie auch nicht weiter. „Gut“, sagt sie deshalb. „Versuchen wir’s.“

In diesem Moment fällt ihr ein, wie sie einmal vor vielen Jahren nach Hause kam und ihre Eltern tanzend im Wohnzimmer vorfand. Tanze Samba mit mir. Vielleicht ist die Idee ja doch nicht so abwegig.

„Besorgen Sie einen CD-Player und die CDs dazu, dann kümmern wir uns drum“, sagt Frau Landauer und schaut auf die Uhr.

Rosa versteht den Wink, bleibt aber noch unschlüssig stehen. Sie würde sich gerne erkenntlich zeigen, weiß aber nicht so recht wie. Den Zwanzigeuroschein in ihrem Portemonnaie auf den Tresen legen und lässig Für die Kaffeetasse sagen, kommt leider nicht in Frage. Diese Zeiten sind vorbei.

„Danke. Vielen, vielen Dank“, sagt sie stattdessen verlegen.

Dem gleichbleibend warmen Lächeln nach zu urteilen, ist es genug, es bleibt trotzdem ein hohles Gefühl.

„Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?“

Die Tür zur Cafeteria fällt Rosa ins Auge. „Ja“, sagt sie spontan. „Ich würde Sie später gerne noch auf eine Tasse Kaffee einladen. Als kleines Dankeschön. Nach der Schicht? Hätten Sie Zeit? Und Lust?“

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