21. Kapitel
Rosa
Am Samstag steht Sven pünktlich um acht vor der Tür. Obwohl sie sich seit Monaten nicht gesehen haben, marschiert er sofort in die Küche, stellt die Brötchentüte auf den Tisch und inspiziert ungefragt ihren Kühlschrank. „Käse, Butter, Joghurt. Ist das alles?“
Es tut so gut, ihn hier zu haben. Für einen Moment fühlt Rosas Welt sich fast wieder normal an. So wie früher. Sie grinst. „Was denkst du dir? Glaubst du ich hätte Zeit, auch noch einkaufen zu gehen?“
Er nimmt die Sachen auf dem Kühlschrank, greift sich ein Brötchen und reißt es mit den Händen auseinander. „Stress?“
Rosa verteilt heißen Thermoskannen-Kaffee auf zwei Tassen. „Wie man‘s nimmt.“
„Heißt?“
Sie rührt in ihrem Kaffee, obwohl da gar nichts ist, was sich auflösen könnte. „Naja, es läuft gerade nicht so besonders.“
„Wobei. Im Job?“
Sie nickt. „Entweder geben die Leute richtig viel Geld aus und engagieren superteure Agenturen, oder sie lassen ihre Texte von ChatGPT schreiben.“ Sie sieht ihn an. „Ich bin da eher ein Auslaufmodell. Überflüssig.“
„Blödsinn.“ Sven schüttelt den Kopf. „Texte von einer Maschine – das mag für den schnellen Werbemüll reichen, aber die richtig guten Sachen kommen immer noch von Leuten, die wissen, was sie tun.“
„Ach ja? Und wer hat die Texte auf deiner Webseite geschrieben?“
Sven lehnt sich zurück und grinst breit. „Wenn mein Geschäft erst richtig angelaufen ist, bist du dran.“ Er wird aber schnell wieder ernst. „Aber bis dahin geht’s ums Überleben. Was hast du denn jetzt vor?“
„Erst einmal richte ich mir einen Arbeitsplatz im Schlafzimmer ein, das Büro ist schon gekündigt. Dann muss ich meine strategische Ausrichtung überdenken. Theoretisch könnte ich mich vielleicht ganz neu aufstellen. Spezialisieren. Oder Seminare geben. Ich muss sehen. Fest steht nur, dass sich was ändern muss.“
Sven nickt langsam. „Hmhm. Kenn ich. Ich hab drei Monate lang nur Möbel für Freunde und meine Familie gebaut.“
„Und?“
„Nix und. Freunden und Familie kann man keine Rechnung schicken. Wir haben von dem gelebt, was Eva als Grundschullehrerin verdient. Aber jetzt hab ich meine erste echte Kundin. Sie will ein Café in der Stadt eröffnen und ich soll eine neue Theke bauen.“
„Klingt doch gar nicht so schlecht. Bezahlt sie denn gut?“
„Schon okay. Übers Jahr verteilt sehen die Zahlen aber trotzdem scheiße aus.“
„Willkommen im Club.“ Rosa hebt ihre Kaffeetasse und prostet ihm zu, dann steht sie auf. „Genug Zeit vergeudet. Ich geh schon mal rüber und fang an, Türrahmen und Fenster abzukleben.“
Sven nickt. Er ist gerade dabei, sein drittes Brötchen mit Marmelade zu beschmieren und schenkt sich Kaffee nach. Im Schlafzimmer zieht Rosa fröstelnd ihre alte Strickjacke zusammen. Draußen scheint die Sonne, doch davon spürt sie hier nichts, das Fenster liegt auf der Nordseite. Sie versucht trotzdem, positiv zu bleiben. Ein einziger lukrativer Auftrag und sie ist wieder im Geschäft. Der Typ mit dem Barbierladen fällt ihr ein. Es täte ihm leid, hat er sie wissen lassen, aber er habe jetzt einen anderen Texter beauftragt. Die Rechnung, die sie ihm per Einschreiben geschickt hat, ist ungeöffnet zurückgekommen.
Rosa schnappt sich das Kreppband. Die Möbel sind in der Mitte und bereits mit Plastikfolien abgedeckt. Ben hat ihr gestern Abend noch geholfen. Zwanzig Euro hat sie das gekostet. Rosa beißt ein Stück Band ab und fängt mit dem Fenster an. Von oben nach unten, von rechts nach links. Dabei spürt sie den kalten Luftzug, der durch die undichten Ritzen strömt und denkt an ihre Eltern. Mit welcher Selbstverständlichkeit die beiden ihre Hilfe früher immer in Anspruch genommen haben. Bei der Hausarbeit, im Garten, später bei der Steuererklärung. Nie wäre sie da auf die Idee gekommen, Geld dafür zu verlangen.
„Hey. Wo ist die Farbe?“
Rosa zuckt zusammen. Sven steht im Türrahmen, die Daumen in den Gürtelschlaufen.
„Da hinten, am Fenster.“
„Willst du alles weiß streichen?“
„Ja?“ Ein ja wie eine Frage, nicht wie eine Feststellung.
Er öffnet den Eimer und tunkt eine Farbrolle in die weiße Masse. „Wie wäre es denn mal mit ein bisschen Farbe.“ Er grinst. „Rosa? Oder lila?“
„Sehr witzig.“ Sie heißt eigentlich Rosalie, was die Sache noch schlimmer macht. Und Sven weiß sehr genau, dass sie ihren Namen nicht mag. Er klingt zu brav, zu sehr nach Sonntagskleid, das passt nicht zu ihr. Sie würde viel lieber Clara heißen. Kurz, klar und unmissverständlich. Oder auch Merle. Da schwingt noch was Wildes mit.
„Scherz“, sagt Sven. „Aber vielleicht Dunkelgrün? Oder blau. Mocca könnte ich mir hier auch ganz gut vorstellen.“
„Das Zimmer ist doch eh schon so dunkel.“
„An der Fensterwand würde es trotzdem gut aussehen. Außerdem hast du doch gesagt, du willst was ändern.“
„Ja, in meinem Berufsleben.“
Sven dreht sich zu ihr um, seine Hände und sein altes T-Shirt sind bereits mit den ersten Farbspritzern übersät. „Hier soll doch dein neuer Arbeitsplatz sein?“
Rosa nickt.
„Also…?“
Sie stellt sich zuerst eine dunkelgrüne, dann eine blaue, zum Schluss eine mocca-farbige Wand vor.
„Na gut“, sagt sie schließlich und legt ihre Rolle auf eine alte Zeitung. „Dann grün. Ich fahr zum Baumarkt.“
Sven grinst und taucht seine Rolle ein. „Gute Entscheidung.“