19. Kapitel
Rosa
Rosa fischt die Post aus dem Briefkasten. Hauptsächlich Werbung, nur ein einziger Brief. Sie reißt ihn gleich auf. Die Nebenkostenabrechnung. 438 Euro. Wie bitte? Rosa starrte auf die Zahl. Für diese sanierungsbedürftige Altbau-Drei-Zimmer-Wohnung, soll sie 438 Euro Nebenkosten nachzahlen? Es ist doch nicht ihre Schuld, wenn der Vermieter seit Jahren nichts mehr investiert hat. Nicht in die Fenster, schon gar nicht in die alte Ölheizung. Inzwischen heizen sie nur noch, wenn auch wirklich, wirklich jemand zu Hause ist und gebadet wird auch nicht mehr, nur noch geduscht, möglichst im Zwei-Minuten-Takt. Sogar ihren Trockner hat Rosa nach einem Totalschaden ersatzlos gestrichen. Wie bitteschön kommt die Hausverwaltung also auf diese Summe? Selbst für ihr gut geheiztes Büro hat sie nur knapp 100 Euro nachgezahlt, und dort verbringt sie immerhin den größeren Teil ihrer Tage.
Erschüttert setzt Rosa sich auf die Treppe. Sie hat keine 438 Euro, schon gar nicht übrig. Sie wird den Dispo noch weiter überziehen müssen, was aber auch nur eine kurzfristige Lösung ist und noch mehr Geld kostet.
Wut kocht in ihr hoch. Erst hat ihr die Pandemie beinah das Genick gebrochen, dann ist Russland in die Ukraine einmarschiert, worauf die Gaskrise folgte, die Auswirkungen bekommt sie bis heute jeden Tag zu spüren, und dann ist ihre Arbeit offenbar auch noch zu einem Luxus mutiert, den sich immer weniger Leute leisten können.
Rosa hat sich immer als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft empfunden, als eine, die ihren Beitrag leistet, die ihr eigenes Geld verdient. Sie hat sich abgerackert, wollte nie jemandem auf der Tasche liegen, schon gar nicht dem Staat. Aber wenn das hier der Dank für all die Jahre der Anstrengungen ist, dann muss schon die Frage erlaubt sein: Wozu eigentlich? Inzwischen würde es ihr wahrscheinlich sogar besser gehen, wenn sie Bürgergeld bekäme.
Mit einem säuerlichen Gefühl denkt Rosa an die sorglosen Jahre vor Corona. Teure Klamotten, Essen in den besten Restaurants der Stadt, einmal im Jahr Urlaub auf Mallorca. Und jetzt reicht es nicht einmal für die neuen Schuhe, die Ben so dringend braucht. Oder für den längst fälligen Friseurbesuch. Oder für diese Scheiß-Nachzahlung.
Im Kopf addiert sie ihre monatlichen Fixkosten. Da ist der Kredit, den sie während der Pandemie aufgenommen hat. Dann die Leasingrate für die Spülmaschine, die Versicherungen, das Sparkonto für Ben. Und natürlich die beiden Mieten. Einen Moment kämpft Rosa noch mit sich, dann springt sie hoch und läuft zurück in die Wohnung. Bevor sie darüber nachdenken kann, schnappt sie sich einen Zollstock, misst die Wand neben dem Fenster im Schlafzimmer und schiebt dabei gedanklich bereits Möbel hin und her. Wenn sie das Regal in die Ecke stopft und als Aktenschrank zweckentfremdet, wenn sie den Schreibtisch noch irgendwo dazwischen quetscht, dann – vielleicht, ganz vielleicht – könnte es klappen. Den Tisch mit dem Drucker vors Bett, die Büroschränke verticken. Der ganze Krempel da drin ist eh nur alter Papierkram, den niemand mehr braucht.
Fast tausend Euro, jeden Monat. Okay, gerettet ist sie damit noch nicht, aber sie hätte wieder ein bisschen Luft.
Am liebsten würde Rosa jetzt gleich loslegen. Aber Ben ist nicht da und die Möbel alleine zu rücken, das schafft sie mit ihrer Hüfte nicht mehr. Sie fängt an, ihren Kleiderschrank auszumisten, danach das Regal. Viel zu viel Klamotten, die ihr längst nicht mehr passen und überflüssiger Firlefanz. Das lässt sich bestimmt noch über Ebay zu Geld machen. Auch die alten Fotos, die ersten zwölf Jahre mit Ben, schön in chronologischer Reihenfolge, nimmt sie von der Wand. Dabei wird gleich das nächste Problem sichtbar: Überall da, wo die Bilder gehangen haben, zeigen sich dunkle Ränder. Na klar. Sie wohnt seit achtzehn Jahren hier und genau so lange hat die Wohnung keine neue Farbe mehr gesehen.
Sie greift nach dem Handy, tippt eine Nachricht.
Hey, Sven, hast du Samstag ein paar Stunden Zeit für mich? Mein Schlafzimmer braucht dringend neue Farbe und ich Hilfe.
Die Antwort kommt prompt.
Hast du nicht einen fast erwachsenen Sohn?
Stimmt. Ist aber kompliziert.
Warum?
Siebzehn. Schwieriges Alter.
Verstehe. Zehn Uhr. Ich bring Brötchen mit.
Sie schickt ihm ein Herz. Sven ist einer der wenigen Menschen, auf die sie sich verlassen kann. Sie kennt ihn seit seiner frühesten Teenagerzeit, damals noch ein blonder Wuschelkopf mit zu großen Sneakers. Er wohnte mit seiner Mutter ein Stockwerk tiefer. Sein Vater war abgehauen, die Mutter trank zu viel. Gegen ein paar Euro ließ Rosa ihn ab und zu auf Ben aufpassen. Und manchmal, immer öfter, kochte sie ihm Spaghetti und ließ ihn auf ihrer Couch schlafen, während Frau Berneiser ihren Rausch ausschlief. Die Nachbarn tuschelten, doch das störte sie beide nicht.
Heute ist Sven selbst Vater, längst unabhängig. Aber manche Dinge ändern sich nie: Wenn einer von ihnen Hilfe braucht, dann ist der andere da.
Nachdem die Streichaktion erfolgreich eingeleitet ist, tippt Rosa noch schnell die Kündigung für ihr Büro, gleich morgen wird sie den Vermieter anrufen. Drei Monate Kündigungsfrist, aber der Mann ist der Vater von Justus, einem alten Schulfreund, mit dem sie mal was hatte. Vielleicht, wenn sie ihm die Situation erklärt.