17. Kapitel
Conni
Am Tag vor der Beerdigung, sitzt Conni im Wartebereich der Bahnhofshalle und checkt ihr Telefon. Kein Anruf, auch keine Nachricht. Nur die Durchsage, dass der Zug zehn Minuten Verspätung hat. Sie wippt nervös mit dem Bein und versucht das Gefühl abzurufen, wie es war, mit Juliane in einem Haus zu wohnen.
Ein Bild schießt ihr dabei in den Kopf: Juliane im Arztkittel, vor ihr ein kleiner dunkelhäutiger Junge. Ein aufgedunsener Bauch, rissige Lippen, entzündete Augen, eine schlecht heilende Wunde am Fuß. Es war ihr erster Besuch in Afrika und bis heute ist es auch der letzte geblieben. Alles war ihr schmutzig und ungastlich erschienen, auch Khartum, diese hektische, überfüllte Stadt. Sie erinnert sich an viele Soldaten mit Maschinengewehren und an Lenis Enttäuschung.
Nur einen Tag hat Juliane sich Zeit genommen, um ihnen wenigstens ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Den Souk Omdurman, einen der größten Märkte Afrikas. Das Nationalmuseum Sudan mit seinen antiken ägyptischen und nubischen Artefakten. Und natürlich Al-Mogran, die Stelle, an der der blaue und der zusammenfließen.
Sie waren alle froh, als Juliane sie wieder an den Flughafen brachte.
Als der Zug einfährt und sich die Türen öffnen, entdeckt Conni ihre Tochter sofort. Sie hat ein braunes Leinenkleid an, die hellen Haare locker zu einem Pferdeschwanz gebunden.
„Hallo, Schatz.“
„Hallo, Mama.“
Die Umarmung ist flüchtig.
„Wie war die Reise?“
„Langweilig.“
„Du musst müde sein.“
Juliane nickt. Sie war rund achtzehn Stunden unterwegs, einschließlich eines Umstiegs in Istanbul und der Zugfahrt jeweils von ihrer Wohnung zum Flughafen in Khartum und dann vom Flughafen Frankfurt bis hierher.
„Wo stehst du?“
„Nicht weit“, sagt Conni und nimmt Julianes Reisetasche. Sie ist leicht.
„Und wie geht es dir?“
„Gut“, antwortet Conni gefasst. „Leni ist bei mir, mit Emil. Ich komme gar nicht zum Nachdenken.“
„Wo wird Papa bestattet?“
„Auf dem Hauptfriedhof. Du kennst ja deinen Vater, er hat seine letzten Wünsche penibel aufgeschrieben.“
„Ich habe mir auf dem Flug noch mal die Fotos von Weihnachten angeschaut.“ Sie schaut Conni prüfend ab. „Da sah er eigentlich noch ganz gut aus.“
Conni hebt die Schultern, weiß nicht, was sie sagen soll. Ihr Handy piept. Leni hat ihnen ein Foto von Emil geschickt, der dabei ist vermatschte Kartoffeln und Mohrrüben in ihrer Küche zu verteilen. Sie öffnet den Kofferraum und verstaut das Gepäck.
„Dass du immer noch diesen alten Golf fährst“, sagt Juliane und setzt sich auf den Beifahrersitz. Zum ersten Mal lächelt sie. „Puh, ziemlich heiß hier für die Jahreszeit.“ Sie öffnet das Fenster.
Conni übergeht die Bemerkung. Das Letzte was sie jetzt will, ist eine Debatte über den Klimawandel.
„Willkommen zu Hause“, sagt sie.
Im Flur hängt das Familienbild. Ein Geschenk zu Connis sechzigstem Geburtstag, noch ohne Emil, nur mit Karsten und den Mädchen. Conni hat sich darüber gefreut, aber dann hat sie es in ihrem Zimmer neben dem Schrank abgestellt und vergessen. Jetzt ist es ihr wieder in die Hände gefallen, und sie hat es endlich aufgehängt.
Leni erwartet sie in der Küche. Sie hat Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt. Brot, Butter, Wurst, Käse, ein paar Tomaten.
„Jule“, sagt sie und wirft sich ihrer Schwester mit einer theatralischen Geste an den Hals. Genau wie bei Conni, erwidert Juliane auch diese Umarmung nur kurz. „Hey, kleine Schwester. Wo ist denn Emil?“
„Schläft.“ Leni setzt sich an den Tisch. „Wir sollten die Zeit also nutzen, denn wenn er wach ist, habe ich keine ruhige Minute mehr.“
Conni nimmt neben Leni Platz und ignoriert die zerquetschten Kartoffeln und Mohrrüben auf dem Fußboden.
„Danke Leni. Schön, dass du den Tisch für uns gedeckt hast“, sagt sie.
„Hab ich doch gerne gemacht, Mama.“
Juliane setzt sich auf ihren alten Platz und lässt sich von Leni Kaffee einschenken. Dabei betrachtete sie die vertraute Umgebung mit der Distanz eines Gastes. Sie wirkt wie ein Fremdkörper, denkt Conni. Als würde sie nicht mehr dazu gehören. Und irgendwie stimmt das ja auch.
Leni springt hoch. Sie holt eine Wasserflasche und Gläser. Dann setzt sie sich wieder und spielt mit dem Löffel in ihrer Kaffeetasse, als könnt sie darin eine Antwort auf ihre Unruhe finden. Wieder einmal fällt Conni auf, wie unterschiedlich ihre Töchter sind. Während Juliane oft wirkt, als würde sie über allem stehen, kann Leni ihre Unsicherheit selten verbergen. Ihr ist nie etwas leichtgefallen. Schule, Freundschaften, Hobbies, für alles hat sie sich doppelt so sehr anstrengen müssen wie ihre Schwester. Karsten hat ihr das manchmal unter die Nase gerieben. Aber egal, was war, Leni hat an ihrem Vater gehangen. Und jetzt ist er weg, und mit ihm ein weiteres Stück Halt in ihrem Leben.
Das Telefon klingelt.
Leni springt auf, „Scheiße, ausgerechnet jetzt, wo Emil schläft.“
Juliane legt das Messer auf den Teller.
„Du hast ja fast nichts gegessen“, sagt Conni.
„Ich habe mir vorhin noch ein belegtes Brötchen am Flughafen geholt.“
„Magst du noch einen Kaffee?“
„Nein.“ Juliane steht auf. „Wo schlafe ich denn?“
„In Karstens Zimmer“, sagt Conni mit einem entschuldigenden Blick. Früher ist es Julianes Zimmer gewesen. „Ist das okay?“
„Ja. Klar. Kein Problem.“
Leni kommt zurück. „Der Pfarrer will wissen, ob jemand von uns morgen ein paar Worte sagen möchte.“
„Ich nicht“, sagt Juliane. „Ich glaube auch nicht, dass ich die Richtige dafür wäre.“
„Warum nicht wir beide?“, fragt Leni. „Wir sind seine Töchter.“
Juliane schüttelt den Kopf.
„Ach, komm schon“, bohrt Leni nach. „Du kannst ruhig auch mal was für deine Familie tun.“
„Leni“, warnt Conni. Sie weiß, dass Leni ihrer großen Schwester nie ganz verziehen hat, gegangen zu sein. Sie fühlt sich von ihr im Stich gelassen.
„Was?“
„Seid mir nicht böse, aber ich hatte einen anstrengenden Flug, ich glaube ich lege mich kurz aufs Ohr“, sagt Juliane.
„Und was ist jetzt mit der Rede? Die Beerdigung ist doch schon morgen.“
„Das schaffst du auch ohne mich.“
„Ich denke ja nicht dran. Aber das ist so typisch, Papa ist tot und du …“
„Bitte, Kinder“, mischt Conni sich ein, in der Hoffnung, die aufgewühlten Wogen noch glätten zu können. „Morgen wird ein schwerer Tag für uns alle.“ Sie lächelt Leni an. „Wir beide können es doch auch zusammen versuchen.“
„Nein.“ Leni verschränkt bockig die Arme. „Jetzt habe ich auch keine Lust mehr.“