13. Kapitel
Rosa
Als Rosa die Wohnungstür aufschließt, sieht sie sofort die Tüte mit den dreckigen Klamotten in der Ecke.
„Ben?“
Keine Antwort.
Sie klopft an seine Zimmertür. „Ben!“
Nichts.
Die Tür ist abgeschlossen und im Zimmer ist es stockdunkel. Kein Licht, kein Ben. Dabei war es ganz anders ausgemacht.
Sie wählt seine Nummer, doch natürlich nimmt er nicht ab. Sie schreibt: Was soll das? Ruf mich sofort an!! Die Haken bleiben grau.
Rosa versteht es nicht. Er braucht Geld, seine Schuhe fallen auseinander und sie hat ihm welches versprochen. Wegen ihm hat sie sogar den Dispo überzogen, gegen ihre Überzeugung. Plötzlich kommt ihr ein Verdacht. Sie nimmt die Gelddose vom Küchenschrank. Sie ist ganz leicht. Gestern war sie noch schwer. Weil hunderte gesammelter Zwei-Euro-Münzen nun mal ein Gewicht haben. Und gestern wollte Ben noch von ihr wissen, welchen Wert der Inhalt schätzungsweise hat.
Mit einem dicken Kloß im Bauch stopft Rosa Bens Wäsche in die Waschmaschine und schaltet das Gerät an. Das Ziehen des Wassers und das leise Summen, geben ihrem Leben für einen Moment so etwas wie Normalität.
„Ben hat Potenzial, keine Frage. Aber er ist völlig unmotiviert. Er schwänzt zu oft und er kifft“, hat sein Lehrer beim letzten Elterngespräch gesagt.
Rosa seufzt. Klar, vielleicht ist es nur eine Phase. Alle Jungs in diesem Alter sind schwierig. Aber die Sorge bleibt. Dabei hat sie sich das immer so schön vorgestellt. Sie, die coole Mutter, die ihr Kind abends auf Partys fährt und morgens locker fragt, ob‘s geil war. Davon sind sie meilenweit entfernt.
Sie steht auf, geht zurück in die Küche und öffnet den Kühlschrank. Der ist genauso leer wie die Gelddose.
Im Supermarkt begegnen ihr die typischen Feierabend-Schnelleinkäufer. Pizza, Dosenfutter, Tütchensuppen. Sie nimmt eine Lasagne aus dem Kühlregal, schaut erst auf den Preis, dann auf die Inhaltsstoffe, zögert kurz, und legt das Fertiggericht in den Einkaufswagen. Dann schickt sie Ben eine Nachricht: Essen um sieben, es gibt Lasagne.
Zwei Minuten später kommt ein Daumen.
Vor Erleichterung schickt sie ihm einen Kuss-Emoji.
Doch um sieben sitzt sie alleine vor den beiden Tellern. Um acht kommt ein Anruf. Aber es ist nicht Ben, es ist das Pflegeheim. Ihr Vater ist bei einer jungen Pflegerin zudringlich geworden, jetzt will man ihr Einverständnis, dass er medikamentös neu eingestellt werden darf.
Um neun stellt Rosa sich ans Fenster. Sie hat schon lange aufgehört zu zählen, wie oft sie hier schon gestanden hat. Manchmal fragt sie sich, ob Ben sich an ihr rächen will. Er ist kein Produkt der Liebe, vielleicht deshalb.
Die Beziehung zu Wolfgang war von Anfang an fragil und Rosa bereits jenseits der Vierzig, als sie schwanger wurde. Das Kapitel Mutterschaft hatte sie da schon lange abgeschlossen. Doch das Schicksal hat andere Pläne gehabt und mit jedem Tag, jeder Woche, in der die Gewissheit in ihr wuchs, war auch die Vorfreude gewachsen. Diese Illusion der heilen Familie, dieses kitschige Ideal. War es nicht das, was jede Frau ganz tief drinnen wollte. Leider war es genauso schnell wieder zerbrochen. Alleinerziehend, ohne Netz und doppelten Boden, ist sie seitdem auf sich alleine gestellt. Und immer wieder an ihre Grenzen gestoßen. Und doch hat sie die Entscheidung nie bereut. Ben mag der Preis der Freiheit sein, aber er ist auch der Fels in der Brandung ihrer Existenz. Der Sinn, auf den sie so lange gewartet hat.
Sie scrollt sich durch die letzten Nachrichten. Was soll sie ihm noch schreiben? Ein: Wo bleibst du? wäre eine rhetorische Frage, die nur wieder im digitalen Nirwana verhallt. Also macht sie das, was sie in den letzten beiden Jahren so oft gemacht hat: Sie bleibt am Fenster stehen und wartet.
Als Ben endlich kommt, ist es kurz vor zehn. Rosa ist unendlich müde. Nicht so eine oberflächige, dumpfe Müdigkeit, sondern eine tiefsitzende, zähe, alles durchdringende Müdigkeit, eine, die einem die Schultern schwer macht und den Brustkorb eng.
Er schlendert sofort in die Küche, mit seinem Rucksack, diesem genervten Blick, den sie kaum erträgt und dieser Lässigkeit, um die sie ihn trotz allem beneidet.
Ohne sichtbare Reue stürzt er sich auf das kalte Essen. „Geil, hab voll den Hunger“, murmelt er mit vollem Mund.
Na gut. Rosa atmet tief durch. Sie wird jetzt nicht die hysterische Übermutter sein, die ihrem Kind das Leben zur Hölle macht. Aber sie hat auch keine Lust mehr, nachts am Fenster zu stehen oder auf dem Sofa zu sitzen, die Knie angezogen, das Handy in der Hand, und auf den letzten Chatverlauf zu schauen: „Wo bist du?“ Gelesen, aber nicht beantwortet. Ihre Anrufe ignoriert er sowieso.
„Ben?“
„Was?“
„Was ist so schwer daran, auf meine Nachrichten zu antworten?“
„Nix.“
„Und warum tust du’s nicht?“
„Tut mir leid, Mum, echt. Aber mein Handyakku war leer.“
Ja klar.