12. Kapitel
Conni
Conni staubt das Regal ab und sortiert ein paar alte Taschenbücher aus. Das Gespräch mit Karsten geht ihr nicht aus dem Sinn. So hat sie ihn schon lange nicht mehr erlebt. Worte der Reue kennt er normalerweise nicht. Aber so war er nicht immer. Conni denkt an ihre ersten beiden gemeinsamen Jahre. Damals hat er sich nur um sie gedreht, sie war ihm wichtig gewesen, er wollte, dass es ihr gut geht. Oft war es ihr zu viel gewesen, sie hat sich eingeengt gefühlt, manchmal hat ihr die Luft zum Atmen gefehlt. Und doch hat sie sich nie wieder so geliebt gefühlt. Nicht davor und nicht danach. Nicht einmal mit Fred.
Dann wurde Juliane geboren und damit hat sich etwas verändert. Nicht sofort, eher allmählich. Er wurde gleichgültiger, ungeduldiger, vielleicht auch kälter. Ein langsamer, aber stetiger Prozess, der seinen vorläufigen Höhepunkt in der Fehlspekulation fand. Und als dann vor acht Jahren noch die Diagnose dazukam, wurde es noch schlimmer. Als müsste er sich schützen. Aber vor wem? Doch nicht vor ihr? Sie ist immer freundlich geblieben, hat ihm nie einen Vorwurf gemacht, weder das Eine, noch das Andere je gegen ihn verwendet. Aber vielleicht war genau das ihr Problem. Sie hat auch nie versucht, ihn herauszuholen aus seiner Blase. Hat sich hinter ihrer Freundlichkeit versteckt, sich nie anmerken lassen, wie sehr sie sein Verhalten verletzt. Und am Ende hat sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich wollte: Ein Gefühl des Vertrauens und der Verbundenheit.
Das laute Dröhnen von Militärflugzeugen durchbricht die Stille, ein tiefes, vibrierendes Grollen, das sich plötzlich durch die Luft schneidet. Selbst wenn man – wie sie selbst – immer in einem friedlichen Land gelebt hat, löst dieses Geräusch jedes Mal eine Urangst in ihr aus. Ein archaisches Gefühl von Gefahr. Sie schaut aus dem Fenster. Der Himmel hat sich zugezogen, ein aufkommender Wind weht die letzten Blütenblätter vom Kirschbaum. Dem Lärm folgt Stille.
Plötzlich fällt ihr Leni wieder ein. Sie hat vergessen, ihre Tochter anzurufen und jetzt ist es zu spät. Es ist gleich sechs, da wird Emil gebadet. Mit solchen Ritualen nimmt Leni es sehr genau.
Conni stellt die letzten Bücher zurück und geht nach unten. Auf dem Weg in die Küche überlegt sie, ob sie einen leichten Salat vorbereiten soll, oder ob ein paar Scheiben Brot mit Wurst und Käse auch reichen.
Sie kommt an Karstens Zimmer vorbei. Die Tür ist geöffnet, ein kühler Wind streift ihr Gesicht. Sie betritt den Raum und schließt das Fenster.
Karsten sitzt mit dem Rücken zu ihr. Er schläft. Den Kopf gesenkt, das Kinn liegt auf seiner Brust. Wenn er noch lange in dieser Position bleibt, wird ihm der Nacken später höllisch wehtun.
Sanft berührt Conni seine Schulter. „Karsten?“
Keine Antwort.
Sie versucht es noch einmal, etwas lauter jetzt. „Karsten?“
Immer noch keine Reaktion, auch kein Heben und Senken seiner Brust unter dem T-SHirt. Sie legt eine Hand an seine Wange. Sie ist kalt. Sie nimmt seinen Arm, versucht, einen Puls zu finden. Conni entfährt ein lauter Ton, es klingt wie ein Keuchen. Ihr Herz rast, während ihr Verstand sich noch weigert, das Offensichtliche zu begreifen.
Wie kann das sein? Vor wenigen Stunden haben sie zusammengesessen und geredet, da ist es ihm noch gut gegangen.
Einen Moment bleibt sie bewegungsunfähig neben ihm stehen, dann läuft sie aus dem Zimmer und wählt den Notruf.
Eine Viertelstunde später ist der Notarzt da. Er tritt ins Zimmer, mit diesem einstudierten Ernst im Gesicht, der vermutlich Trost spenden soll.
„Es tut mir sehr leid“, sagt er. „Gab es denn Auffälligkeiten? Herzineffizienz oder etwas Ähnliches?“
Conni blickt ihn hilflos an. „Nein. Ich versteh das nicht, es war alles ganz normal.“
Er streicht sich eine Strähne aus der Stirn und fragt nach der Krankenakte. Conni holt sie aus dem Regal und beantwortet mechanisch Fragen. Welche Medikamente, wo war der Medikamentenplan, wer der Hausarzt.
Sie öffnet die Schublade, in der Karsten seine Tabletten aufbewahrt und nennt den Namen des Arztes.
Schließlich stellt der Arzt den Totenschein aus. Sie soll ihn später bei der Stadtverwaltung einreichen.
Conni schaltete in den Irgendwie-Funktionieren-Modus. Sie wartet, bis er gegangen ist und ruft den hiesigen Bestattungsunternehmer an. Die Stimme am Telefon ist freundlich und warm. Während des Telefonats schreibt sie mechanisch Worte auf einen Zettel. Überführung, Aufbahrung, Terminabsprache wegen Beerdigung.
„Wir kommen noch heute Abend, ich denke in den nächsten ein oder zwei Stunden“, sagt der Mann.
Sie legt auf. Etwas schnürt ihr die Kehle zu. Es ist eine Sache, zu wissen, dass Karsten tot ist, eine andere, ihn sich in einer Kiste aus Holz vorzustellen.
Dann fällt ihr das Notizblatt ein, das Karsten ihr vor ein paar Monaten gezeigt hat. Sie findet es in der Medikamentenschublade. Zusammen mit einem handschriftlichen Testament. Er will verbrannt werden, ein einfaches Urnengrab auf dem Hauptfriedhof, kein großes Brimborium. Und sie soll alles erben, das Haus und das Geld. Welches Geld? Und meint er etwa dieses Haus, das ihre Eltern zum großen Teil finanziert haben? Wer bitte schön denn sonst, wenn nicht sie? Aber natürlich weiß sie, dass das Erbe ohne Testament zwischen ihr und ihren Kindern je zur Hälfte geteilt worden wäre. Dann hätten sie das Haus verkaufen müssen.
Conni öffnet eine der Tabletten-Packungen. Levoda. Sie hat sie ihm erst vorgestern aus der Apotheke mitgebracht. Es fehlen zwei Drittel. Auch bei Pramipexol ist mehr als die Hälfte weg.
Als die beiden Männer vom Bestattungsinstitut eintreffen, hat Conni sich wieder gefasst. Sie hört die gedämpften Stimmen, sieht, wie sie Karsten auf die Trage legen, ihn mit einem weißen Tuch bedecken und durch den Flur nach draußen tragen.
Dann sind sie wieder weg und Conni weiß nicht, was sie tun soll. Wenn es das ist, wonach es aussieht, dann hat Karsten nachgeholfen. Kein natürlicher Tod, eine Entscheidung. Der letzte Teil an Selbstbestimmtheit, der ihm noch geblieben war. Dieses Wissen ist einerseits zu groß, um es nicht zu teilen, andererseits wüsste sie nicht mit wem. Ihren Kindern kann sie das unmöglich sagen.
Und dann fällt ihr ein, dass Juliane und Leni noch gar nicht wissen, was passiert ist.