14. Kapitel
Conni
Die Wohnung ist ganz still. Keine Geräusche aus Karstens Zimmer, nur das Brummen des Kühlschranks und ihr eigener Atem, ein bisschen zu flach, ein bisschen zu schnell.
Karsten ist tot.
Er war ein schwieriger Mensch. Ein falscher Tonfall hier, ein genervter Blick dort und schon war die Sache eskaliert. Oft hat er sie benutzt wie einen Freischein für schlechte Laune. Und sie hat immer so getan, als würde ihr das nichts ausmachen. Als wäre sie aus einer besonderen Art Beton gegossen, unerschütterlich und duldsam. Ist das ihr besonderes Talent? Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass es so war. Sie hat sich nicht genug gegen Karstens Launen gewehrt. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht auch, weil es irgendwann sowieso keinen Unterschied mehr gemacht hat.
Conni steht am Fenster und sieht auf die Straße. Draußen ist die Welt noch die gleiche. Die Straßenlaterne flackert, ein Auto fährt vorbei. Es ist, als wäre nichts passiert. Als würde irgendwo nicht gerade eine Frau durch eine Wohnung laufen, die sich plötzlich anders anfühlt, leerer vielleicht, oder auch einfach nur fremd.
Sie presst die Stirn gegen die Scheibe.
Karsten ist tot. Und jetzt? Sie ist nicht verzweifelt oder panisch, nur unendlich traurig. Sie trauert, trotz allem. Um alles, was war, oder was hätte sein können.
Das schrille Klingeln schreckt Conni aus ihren schweren Gedanken. Sie streicht sich die Bluse glatt und öffnet die Tür. Leni sieht schrecklich aus. Ihr immer noch kindliches Gesicht verquollen, die Augen gerötet und die braunen Haare ungekämmt. Leni, die jahrelang ein eher gespaltenes Verhältnis zu ihrem Vater hatte und sich immer wieder bei Conni über sein Desinteresse beklagt hat, ist jetzt außer sich vor Kummer. Völlig aufgelöst hat sie sich sofort nach dem Anruf auf den Weg gemacht und ihr Klagen, als sie nun erfährt, dass Karsten schon abgeholt wurde, steigert sich zu einem ohrenbetäubenden Crescendo.
„Hättest du ihn nicht noch einen Tag zu Hause behalten können“, schreit sie ohne Rücksicht auf das Kind auf ihrem Arm. „Oder bist du so froh, ihn endlich los zu sein?“
Wortlos nimmt Conni Emil und zieht sich mit ihm in ihr Zimmer zurück. Sie schaukelt ihn und flüstert leise Worte in sein Ohr. Mein kleiner Liebling. Alles ist gut, deine Mama beruhigt sich gleich wieder. Dabei denkt sie an das Telefon-Gespräch mit Juliane. Wie anders hat ihre pragmatische, kühle Tochter reagiert.
„Lungenentzündung?“
„Nein. Herzstillstand hat der Arzt gesagt.“
„Weißt du schon, wann die Beerdigung ist?“
„Am 22. Mai.“
„Gut. Dann versuche ich einen Tag vorher da zu sein.“
Dann versuche ich … Nicht: Ich werde da sein.
Emil hat jetzt endlich aufhört zu weinen und Conni versucht ihn mit dem Newton-Pendel abzulenken. Mehrere Kugeln, die an dünnen Drähten in einer geraden Linie aufgehängt sind. Sie hebt die äußere Kugel, lässt sie wieder los, die Kugel schlägt an und überträgt ihre Energie durch alle anderen Kugeln bis auf die letzte, die dann in die entgegengesetzte Richtung schwingt. Aktion und Reaktion. Alles was wir tun, hat irgendeine Konsequenz, denkt Conni. Auch dann, wenn wir sie nicht sofort sehen.
Es klopft. „Mami?“
„Komm nur, es ist offen.“
Leni steckt den Kopf rein und gibt sich zerknirscht. „Es tut mir leid.“
„Schon gut.“ Conni klopft mit der freien Hand auf den Platz neben sich. „Setz dich zu uns.“
Leni lässt sich auf das Sofa fallen und legt den Kopf an ihre Schulter. „Ich verstehe das einfach nicht. Warum denn so plötzlich?“
„Der Notarzt hat gemeint, dass er nicht gelitten hat. Es ist ganz schnell gegangen.“
„Warst du dabei, als …?“
„Nein. Aber er sah ganz friedlich aus. Überhaupt nicht gequält.“
Das stimmt. Also doch kein Tablettentod? Hätte man ihm das nicht angesehen? Eine bleierne Müdigkeit macht sich plötzlich in Conni breit. Sie zerrt an ihr, will sie zwingen, sich auf der Stelle hinzulegen. Doch sie reißt sich zusammen und drückt Leni einen Kuss auf die Stirn. „Habt ihr denn schon etwas zu Abend gegessen?“
Ihre Tochter schüttelt den Kopf und fängt wieder an zu weinen.
„Na schön.“ Conni steht auf. „Dann schau ich mal, was noch im Kühlschrank ist.“
„Kannst du Emil bitte mitnehmen? Ich bin so müde. Hab die letzte Nacht kaum geschlafen.“
Wortlos nimmt Conni das Kind und geht in die Küche. Von Till weiß sie, dass Leni seit einigen Wochen in therapeutischer Behandlung ist. Vermutlich wird ihr dort geraten, sich mehr um sich selbst zu kümmern. Auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Schauen Sie, was Ihnen guttut. Und dann stellt Conni sich vor, wie Leni der Therapeutin, bestimmt ist es eine Therapeutin, in aller Ausführlichkeit von ihrer Kindheit berichtet. Mein Vater hatte kein Interesse an mir und meine Mutter war immer so schrecklich devot. Devot, dieses Wort hat Leni ihr einmal an den Kopf geworfen. Vorausgegangen war ein Streit mit Karsten. Nachdem er das ganze angesparte Geld verspekuliert hatte und die Bank Probleme machte, wollte sie ihre Arbeitszeit aufstocken, aber Karsten war dagegen. Ich verdiene immer noch genug für uns alle. Und wie so oft, hat Conni um des lieben Friedens willen nachgegeben.
Du bist so devot, Mama.
Wahrscheinlich wird sie dann auch noch von diesem grauenhaften Unfall erzählen.
Sie hatten Streit gehabt, Karsten und sie, Conni weiß schon gar nicht mehr um was es ging. Was sie aber noch weiß ist, dass sie Leni geschnappt hat und weggefahren ist. Einfach weg, egal wohin. Während der Fahrt war sie aufgewühlt und dann hat sie einer älteren Frau die Vorfahrt genommen. Sie und Leni sind mit dem Schrecken davongekommen, doch beide Autos (ihres war erst wenige Monate alt) waren stark beschädigt. Und die Frau musste ins Krankenhaus. Zum Glück waren ihre Verletzungen nicht so schlimm, wie es aussah, sie hat nur stark geblutet. Leni hat danach noch monatelang Schlafstörungen gehabt. Und panische Angst vorm Autofahren. Sie war damals erst acht. Zu jung, um die Situation zu verstehen. Und zu alt, um sie einfach zu vergessen.
Nach dem Essen überlässt Leni Conni das Schlachtfeld in der Küche und zieht sich mit Emil in ihr altes Zimmer zurück. Conni hat das Bett frisch bezogen und das Kinderreisebett aufgestellt, dass sie letztes Jahr auf einem Kinderkleiderbasar besorgt hat.
Eine Weile hört sie Emil noch weinen, dann ebbt der Lärm endlich ab und sie kann sich auf die Dinge konzentrieren, die sie in den nächsten Tagen und Wochen erledigen muss. Die Beerdigung organisieren, Formalien abarbeiten, die wenigen Freunde und entfernte Verwandte informieren.
Später im Bett, kann sie trotz ihrer Müdigkeit nicht einschlafen. Als es ihr endlich gelingt, hat sie das Gefühl zu fallen und schreckt gleich wieder hoch.
Sie steht auf, tappt leise ins Bad und klatscht sich kaltes Wasser ins Gesicht. Ich bin jetzt Witwe, denkt sie. Plötzlich fühlt sie sich uralt. Sie ist alt, das können auch die braun getönten Haare nicht verbergen. Falten um die Augen, auf der Stirn, um den Mund. Es wird für sie nie wieder so etwas wie Leidenschaft geben. Geschweige denn Liebe. Was soll sie denn mit dem Rest ihres Lebens noch anfangen? Sich um Emil kümmern, damit Leni weiter studiert. So wie sie sich einst um Juliane und Leni gekümmert hat? Ist das der Sinn, die einzige Erfüllung, die ihr bleibt?
Sie denkt an ihre Mutter, die ihr immer so resolut und tüchtig erschienen war. Jetzt fragt sie sich, ob sie im gleichen Alter nicht ganz ähnliche Gedanken gehabt hat.
Leni kommt ins Bad und setzt sich aufs Klo.
„Schläft Emil?“
Leni nickt.
„Und du?“
„Kann nicht.“ Ihre Tochter zieht ab und wäscht sich die Hände. „Hast du einen Wein im Haus?“
„Ja. Im Kühlschrank“, sagt Conni und klappt die Klobrille zu.