Es gibt diese stille Selbstverständlichkeit, mit der unsere Gesellschaft von Frauen erwartet, alles gleichzeitig zu sein: engagierte Berufstätige, liebevolle Mütter, verlässliche Partnerinnen, organisierende Mittelpunkte des gesamten Familienalltags. Doch diese Selbstverständlichkeit ist nichts anderes, als eine als Gleichberechtigung getarnte Überforderung.
Frauen im Beruf hat nur in seltenen Fällen etwas mit Emanzipation zu tun, sie ist ökonomische Notwendigkeit. Das Ergebnis ist die berühmte Doppelbelastung: Entweder Teilzeit, mit dem fast sicheren Verzicht auf Karrierechancen, finanzielle Unabhängigkeit und ausreichende Rentenansprüche. Oder Vollzeit und Auslagerung der Kindererziehung an Kita, Ganztagsschule, Babysitter und Großeltern. Beides fühlt sich an wie ein Kompromiss, selten wie eine echte Wahl.
So wie es im Moment läuft, sind es vor allem unsere Kinder, die dabei auf der Strecke bleiben. Weil ihnen sehr oft etwas ganz Wesentliches fehlt: Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit. Gesundes Essen und Nestwärme. Wenn schon im Kleinkindalter das Smartphone zur Beruhigung eingesetzt wird, wenn flimmernde Bilder das Gehirn erreichen, das noch gar nicht bereit ist, sie zu verarbeiten, dann ist das kein individuelles Versagen, sondern das Symptom einer Gesellschaft, die permanent unter Zeitdruck steht.
Weil es schnell gehen muss, wird heute nicht mehr gekocht, sondern erwärmt. Fertigmahlzeiten in der Mikrowelle ersetzen das gemeinsame Schnippeln, Rühren, Abschmecken. Für zwischendurch günstige Zuckersnacks. Das ist kein moralischer Vorwurf an erschöpfte Eltern. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir Lebenssituationen geschaffen haben, die gegen menschliche Grundbedürfnisse arbeiten.
Ein gerechtes System sähe für mich jedenfalls anders aus. Es würde Elternschaft nicht als private Marotte behandeln, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Kinder sind nämlich keine Hobbys ihrer Eltern, sie sind die Zukunft einer Gemeinschaft. Wer das ernst nimmt, und das beansprucht doch beinah jeder Politiker für sich, der muss Strukturen schaffen, die es beiden Eltern ermöglichen, Verantwortung und Erwerbsarbeit partnerschaftlich zu teilen.
Ein Ansatzpunkt dazu ist das gängige Steuermodell. Solange finanzielle Anreize indirekt das klassische Ein-Verdiener-Modell belohnen, wird echte Gleichverteilung erschwert. Ein gerechteres Modell würde individuelle Erwerbstätigkeit fördern statt Abhängigkeiten zu zementieren. Es würde Arbeitszeitmodelle begünstigen, in denen beide Eltern reduziert arbeiten können. Und nicht einer voll und einer „ein bisschen“. Paritätische Elternzeit muss nicht nur möglich, sondern selbstverständlich sein. Unternehmen müssen lernen, Führung auch in Teilzeit und Tandem-Modellen zu denken. Und zwar für Männer und Frauen.
Doch Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage von Steuern und Paragrafen. Sie ist auch eine Frage der Haltung. Beide Elternteile müssen sich gleichermaßen zuständig fühlen – nicht als „Helfer“ oder „Mitverdienerin“, sondern als Erwachsene, die gleichermaßen verantwortlich sind für ihre Kinder. Solange Care-Arbeit aber unsichtbar bleibt oder als weibliche Naturbegabung gilt, wird sich leider wenig ändern.
Eine gerechte Gesellschaft misst Fortschritt aber nicht daran, wie effizient sie Menschen funktionieren lässt, sondern daran, wie gut sie Beziehungen ermöglicht. Wenn Eltern sich Arbeit und Fürsorge wirklich teilen – strukturell unterstützt und kulturell gewollt –, dann gewinnen am Ende alle: Frauen, Männer und vor allem unsere Kinder.