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Boomerang – Zurück auf Los

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10. Kapitel

Conni

Nach dem Frühstück bleibt Conni einfach am Küchentisch sitzen. Es ist Sonntag und die Sonntage sind immer am schlimmsten. Diese gähnende Leere, das Warten darauf, dass Karsten nach ihr ruft.

Vor ihr liegt ein angefangenes Kreuzworträtsel – Niederländischer Maaszufluss, keine Ahnung, Chilenischer Pianist, sie kennt keinen – und die Fernsehstimmen aus dem Wohnzimmer zerren an ihren Nerven. Sie schaltet das Radio an. Lenis Lieblingsgruppe. Stundenlang ist diese Musik früher hier im Haus hoch und runter gelaufen. Die weiche Stimme des Sängers schafft einen Abstand zu Connis Gedanken, hebt sie auf eine andere Ebene. Doch als gleich darauf ein Bericht über schmelzende Gletscher und auftauenden Permafrost kommt, landet sie wieder auf dem Küchenboden der Tatsachen. Sie denkt an Julianes ersten Heimurlaub nach fast einem Jahr und die Vorwürfe, die sie ihr damals gemacht hat.

„Es ist einfach so, eure Generation hat’s verbockt“, hat ihre Tochter gesagt. „Ihr habt euch den Planeten unter den Nagel gerissen, euch dicke Häuser hingestellt, tonnenweise Fleisch gefressen und jede Diskussion über Nachhaltigkeit mit einem müden Augenrollen abgetan. Mama, du hast doch keine Ahnung, was ich in Afrika erlebe. Die Menschen dort leiden massiv unter den Folgen dessen, was ihr verursacht habt. Überschwemmungen, Erdrutsche, zerstörte Ernten – das ist deren Alltag. Und ihr hier? Ihr macht es euch immer noch gemütlich und ignoriert, was um euch herum passiert. Ihr lebt wie die Maden im Speck und macht euch überhaupt keine Gedanken darüber, dass euer Luxus anderen die Zukunft zerstört! Ihr habt den Planeten ausgebeutet, die Sozialsysteme überlastet, euch Renten gesichert – die wir übrigens nie bekommen werden – und die nachfolgenden Generationen sollen jetzt den Dreck wegräumen und zusehen, wie sie klarkommen?!“

Conni schaltet das Radio wieder ab. Sie hat schon lange den inneren Bezug zu Juliane verloren, die als Ärztin ohne Grenzen seit einigen Jahren im Sudan arbeitet und sich in ganz anderen Sphären bewegt. Aber hat Juliane denn recht? Haben sie es sich wirklich zu leicht gemacht? Die Zeichen zu lange ignoriert? Dabei haben sie doch auch gekämpft. Ihre Generation ist gegen Atomkraft auf die Straße gegangen, hat Friedensmärsche und Lichterketten organisiert und sich für Gleichberechtigung eingesetzt.

Was hätten sie denn anderes machen können?

Und trotzdem steht da plötzlich diese Wand zwischen ihnen. Eine Wand aus unterdrückter Wut.

Ihre Älteste ist nicht wie ihre jüngere Schwester. Vierzehn Jahre liegen zwischen den beiden, aber während Juliane zielstrebig ihr Medizinstudium absolviert und sich anschließend den Ärzten ohne Grenzen angeschlossen hat, hat Leni ihr Studium abgebrochen, als sie im zweiten Semester schwanger wurde. Inzwischen ist Emil eineinhalb, und Leni hat immer noch keinen Plan und kein Ziel. Sie lebt einfach vor sich hin, verlässt sich auf den Vater ihres Kindes und auf ihre Eltern.

Wenn Conni ganz ehrlich zu sich ist, und manchmal ist sie das, kann sie es sogar verstehen. Sie hat es doch ganz ähnlich gemacht. Und sich gewundert, als Juliane damals ihre Beziehung zu Leon so leichtfertig aufgab, um sich irgendwo weit weg selbst zu verwirklichen. Ärztin hätte sie hier auch sein können. Gleichzeitig beneidet sie Juliane um genau diese Fähigkeit. Sie wäre auch gerne gegangen, damals, als die Probleme zwischen ihr und Karsten immer offensichtlicher wurden. Vielleicht, wenn sie mutiger gewesen wäre. Mehr selbstbestimmt.

Ihre Eheprobleme haben schon bald nach Julianes Geburt begonnen. Karsten war ehrgeizig, er hat sich rasch weitergebildet, hat Seminare besucht. Immer öfter ist er nachts nicht nach Hause gekommen. Und wenn er kam und Conni ihm voller Stolz von Julianes ersten Schritten oder ihrem ersten Zahn erzählt hat, dann hat er sie mit diesem genervten Blick angesehen und sich gelangweilt abgewandt.

Sie haben nicht gestritten, sie haben einfach aufgehört zu reden. Sie schliefen auch nicht mehr miteinander. Wenn Karsten abends im Bett seine Hand auf ihre Brust gelegt hat, dann ist sie auf die Seite gerutscht und hat ihm den Rücken zugedreht.

Ihren Eltern waren die Spannungen nicht verborgen geblieben. Du musst dich nicht wundern, hat ihre Mutter einmal gesagt, als Conni keine Lust hatte, Karsten auf ein Geschäftsessen zu begleiten. Worüber sie sich wundern sollte, hat Conni zuerst gar nicht verstanden, aber bald wusste sie es.

Es war an einem milden Herbsttag, die Nachmittagssonne hatte das Wohnzimmer in ein warmes Licht getaucht und die vielen kleinen Staubpartikel in der Luft tanzen lassen. Sie sieht sich noch selbst auf dem grauen Sofa sitzen, eine Tasse Kaffee in der Hand, während Juliane auf dem Teppich mit ihren Bauklötzen spielt.

Es war der Klassiker. Sie fand den Taschenkalender, den Karsten immer bei sich trug. Er musste ihm am Morgen in der Hektik aus der Tasche gefallen sein, als er sich auf den Weg zu einem Seminar in Stuttgart gemacht hatte.

Conni hob ihn auf und legte ihn auf den Tisch. Aber die Neugier – oder war es eine unbewusste Ahnung? – ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Schließlich öffnete sie das kleine Büchlein und stieß auf einen Eintrag, der mit dem Namen Sophie (Seminarteam) angelegt war. Zuerst wirkte alles noch ganz harmlos. Einige organisatorische Details, eine Uhrzeit. Und dann der kleine Zettel, der dahinter geheftet war. Nur ein Satz, geschrieben in einer klaren, leicht nach rechts fallenden Schrift: Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.

Sie haben nie über Sophie gesprochen. Auch nicht über Stella oder Vera oder Melissa. Reden war nie Connis Stärke. Sie ist besser im Aushalten.

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