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Boomerang – Zurück auf Los

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5. Kapitel

Conni

Conni schließt die Tür auf und hat sofort ein Déjà-vu. Gleich wird Karsten kommen und sagen, dass er nicht zum Essen bleibt. Aber natürlich kommt er nicht. Stattdessen kommt Charlie. Der Hund wedelt hoffnungsfroh mit dem Schwanz und schnuppert an ihren Füßen.

„Karsten?“, ruft Conni. „Hallo? Ich bin da.“

Sein Rollstuhl taucht in der Wohnzimmertür auf.

„Schrei nicht so. Ich bin behindert, aber nicht taub.“

„Entschuldige. Ich lass den Hund kurz raus, dann kümmere ich mich ums Essen.“

Er schaut auf die Uhr und verschwindet wieder im Wohnzimmer. Sie hört den Fernseher und ein Blick in die Küche zeigt ihr, dass die Kartoffeln noch nicht geschält sind. Typisch. Dabei haben sie extra die Arbeitsplatte tiefer gesetzt, damit er ihr beim Kochen helfen kann. Seine Idee. Überhaupt haben sie in den letzten beiden Jahren das Erdgeschoss doch nur für ihn umgebaut. Die Türen verbreitert, im kleinen Bad die Wannendusche durch eine bodengleiche ersetzt, Julianes altes Kinderzimmer zu seinem gemacht. Und trotzdem ist er immer nur am Meckern und lässt seinen ganzen Frust an ihr aus. Aber er ist ja nicht nur bei ihr so, erinnert Conni sich. Von dem verbindlich-freundlichen Geschäftston, mit dem er jahrzehntelang Versicherungen verkauft hat, ist auch bei anderen nicht viel geblieben. Mit Grauen erinnert sie sich an den Bankbesuch voriges Jahr, als sie einen Treppenlift einbauen lassen wollten und die Bank den Kredit verweigerte. Zuerst hat Karsten den Mitarbeiter, soweit Conni sich erinnert hieß er Manfred Haller, beschimpft und dann darauf bestanden, mit dem Chef zu sprechen. Als das auch nichts half, hat Karsten damit gedroht, die Bank zu wechseln. Conni erinnert sich nur zu gut an das nachsichtige Lächeln des Mannes. Und an ihre Scham.

Doch im Nachhinein ist sie sogar froh. So hat sie die obere Etage ganz für sich allein. Das Bad, Lenis Kinderzimmer und ihr ehemals gemeinsames Schlafzimmer. Statt Karstens Bett, steht jetzt ein Lesesessel im Raum. Und ein Regal voller Bücher.

Der Gedanke versöhnt Conni gleich wieder. Sie ruft nach Charlie, aber der hat sich schon wieder auf seine Hundedecke verkrochen. „Komm, schon, du alter Zausel, wenigsten bis zur Laterne,“ schimpft Conni. „Sonst haben wir nachher wieder den Salat.“ Sie nimmt ihn am Halsband und zerrt den Hund hinter sich her. Auch Charlie hat seine Blütezeit hinter sich, genau wie sie und Karsten. Mit Wehmut erinnert sie sich noch daran, wie er als Welpe zu ihnen kam. Ein Geburtstagsgeschenk für Leni. Damals hat er mit seiner Lebendigkeit den ganzen Haushalt durcheinandergewirbelt. Inzwischen tappt er nur noch auf die andere Straßenseite, bis zu seiner Laterne, oder höchstens bis zur Pferdekoppel.

Auf der anderen Straßenseite sind zwei Arbeiter dabei, ein überdimensionales Sofa aus einem Umzugswagen zu zerren. Heute ziehen neue Nachbarn ein. Mehr als ein Vierteljahrhundert haben Jutta und Tobias gegenüber gewohnt. Im Sommer haben sie zusammen gegrillt, im Winter Glühwein getrunken und sich manchmal einfach spontan auf ein Glas Wein verabredet. Aber dann ist zuerst Karsten krank geworden, und dann hat Tobias plötzlich eine Frau kennengelernt, die ihm wichtiger war als die, die er schon hatte.

Tobias ist weg, Adrian studiert im Ausland, was soll ich hier noch, hat Jutta vor ein paar Wochen gesagt. In diesem Haus, das für sie allein viel zu groß war. Manchmal stellt Conni sich vor, es genauso zu machen. Einfach ausziehen, weggehen, das alte Leben abstreifen wie ein zu eng gewordenes Kleid. Aber wohin soll sie gehen?

Vor Karstens Diagnose hatte noch ein anderer schwerer Schlag gestanden: Der Verlust all ihrer Ersparnisse, einschließlich des Geldes, das ihr die Eltern hinterlassen hatten. Kein Vermögen, aber es hätte ihnen das Leben im Alter sehr erleichtert.

Karsten hatte sich verspekuliert, trotzdem hat Conni ihm nie einen Vorwurf daraus gemacht. Und im Gegensatz zu ihm, hat sie auch nie daran gedacht, einfach aufzugeben. Sie hat immer weitergekämpft, sie tut es bis heute. Und wofür? Keiner dankt es ihr, alle finden es ganz normal, dass sie immer da ist und sich um alles kümmert. Sie selbst ja eingeschlossen.

Ein Mann kommt aus dem Haus, vermutlich ihr neuer Nachbar. Conni lächelt ihm freundlich entgegen, aber er blafft sie nur an: „Kann der Köter nicht woanders hinkacken?“

Willkommen in der Nachbarschaft, denkt Conni und zieht den Beutel aus ihrer Hosentasche.

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