4. Kapitel
Rosa
Der Werkstattmeister lehnt sich auf den Tresen und schiebt ihr mit ölverschmierten Fingern die Rechnung hin.
„Also, Frau … äh, Mayen?“ Er sieht sie kurz an, als müsste er sich noch vergewissern, dass sie auch wirklich Mayen heißt. „War so einiges im Argen. Die Bremsen vorne komplett runter, die mussten wir tauschen. Dann die Wasserpumpe – war undicht, das hätte Ihnen früher oder später den Motor überhitzt. Und die Spur war völlig verstellt, das haben wir auch gleich mitgemacht.“
Rosa nickt langsam. Wasserpumpe, Bremsen, Spur. Hört sich alles ziemlich wichtig an. Aber auch teuer.
„War keine Kleinigkeit“, bestätigt der Mann ihre Befürchtungen und kratzt sich mit seinem öligen Daumen über die Stirn. „Aber jetzt läuft der Wagen wieder wie geschmiert. Wir haben auch gleich noch Öl aufgefüllt und die Reifen geprüft. Und noch so ein paar Kleinigkeiten miterledigt. Sollte Ihnen jetzt erstmal keine Probleme mehr machen.“
„Mhm“, meint Rosa und versucht, immer noch souverän zu wirken. Beim Blick auf die Zahl, wird sie dann aber doch blass. Eintausendsiebenundachtzig Euro!
Der Mann schickt ihr einen misstrauischen Blick. „Zahlen Sie mit Karte?“
„Ich, äh ja.“ Sie zieht das prall gefüllte Portemonnaie vor. Viele Karten, wenig Wirkung. Eine Karte für dm, eine für das Modehaus Marquardt, die Ikea-Familienkarte und eine für die Apotheke. Noch eine für den Bäcker, davon hat sie gleich zwei. Sie nimmt die Scheckkarte, steckt sie ins Lesegerät und sieht, wie das Display aufleuchtet. Es reicht, das hat sie schon ausgerechnet, aber danach bleiben nur noch ungefähr 300 Euro übrig. 300 Euro für den Rest des Monats. Für Bens neue Schuhe und für ihren leeren Kühlschrank. Auch für die immer noch offene Rechnung vom IT-Typen, der ihren Computer letzte Woche gerettet hat. 300 Euro für alles.
Das Lesegerät piept. Zahlung erfolgt steht auf dem Display.
Rosa schleppt sich zum wiederhergestellten Auto und lässt sich auf den Sitz fallen. Die leere Coladose liegt immer noch im Fußraum, auch die zerknüllte Brötchentüte. Zeugnis eines längst vergangenen Frühstücks.
1.087 Euro, ohne Autoreinigung.
Rosa legt die Hände aufs Lenkrad, den Blick auf den staubigen Parkplatz gerichtet und versucht gegen den Klumpen zu atmen, der auf ihre Lunge drückt. Fast schon gewohnheitsmäßig wählt sie Bens Nummer. Zu ihrer Überraschung meldet er sich dieses Mal sofort. „Ey Mudder, warum flexst du mich an?“
Sie ist so perplex, dass ihr spontan keine Antwort einfällt. Ihr fällt überhaupt nichts ein.
„Mudder?“
Rosa sammelt sich. „Warum gehst du nie ans Telefon, wenn ich dich anrufe?“
„Wir telefonieren doch.“
„Ja jetzt, aber ich hab schon hundert Mal versucht dich zu erreichen. Warum hast du nicht zurückgerufen? Oder auf eine von meinen WhatsApp geantwortet?“
„Mann, du vergeudest meine Zeit.“
„Du meine auch“, sagt Rosa, die allmählich wieder in ihre Form findet. „Wo bist du?“
„Bei ´nem Freund.“
„Und wo warst du letzte Nacht?“
„Auch.“
„Welcher Freund?“
„Kennst du nicht.“
„Mensch, Ben!“ Sie ignoriert ein undefinierbares Ziehen im Rücken und verdrängt den Gedanken daran, wie es sich anfühlen würde, ihm mit aller Wucht eine Ohrfeige zu verpassen. Das ist nicht ihre Art, aber ihr Sohn bringt immer öfter ungeahnte Gewaltfantasien in ihr zum Laufen. „So geht das nicht. Du bist erst siebzehn. Du kannst nicht …“ Ein lautes Gegröle aus dem Hintergrund lässt Rosa zusammenzucken. „Was ist das?“
„Paar Freunde.“
„Was macht ihr da? Party?“
„Reg dich ab.“
Der letzte Geduldsfaden reißt. „Spinnst du jetzt völlig? Wir treffen uns in zwanzig Minuten daheim, und denk nicht mal dran nicht zu kommen, sonst ist der Geldhahn für diesen Monat zu!!“ Im Tonfall ihres Sohnes setzt sie noch ein „Ischwör!“ hinterher und legt auf.
Sie starrt auf ihre Hände. Noch zwanzig Minuten, denkt sie. Wenn sie sich beeilt, reicht’s vielleicht noch für eine kurze Pause. Vielleicht aber auch nicht.