2. Kapitel
Rosa
Im Büro schlägt Rosa der Geruch von ungespülten Kaffeetassen und einem gescheiterten Leben entgegen. Sie stellt die Kaffeemaschine an und versucht zum gefühlt hundertsten Mal, ihren Sohn zu erreichen.
Klar, 17 ist kein einfaches Alter, aber Ben übertrifft alles, was Rosa je in Erziehungsratgebern gelesen hat. Ihr kommt es manchmal vor, als hätte er es sich zur Aufgabe gemacht, jedes gängige Klischee noch zu toppen. Ohne Mühe klettert er dabei von einer Warnstufe zur nächsten. Rosa seufzt. Ben ist ohne Vater aufgewachsen, vielleicht liegt es daran. Ein normales Familienleben hat er nie kennengelernt. Dabei hätte sie das selbst gerne gehabt.
Verliebt, verlobt, verheiratet. Einen Mann an ihrer Seite, jemanden, mit dem sie alle ihre Sorgen und Nöte teilen kann. Eine ganz normale Familie eben. Aber so ist es nicht gekommen. Nicht mit Bens Vater, und auch nicht mit all den anderen Männern in ihrem Leben. Es war immer nur Sex. Und dann Schluss.
„Wer sagt denn, dass es von mir ist“, hat Wolfgang damals gesagt, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählte. Und als sie ihm später einen Vaterschaftstest auf den Schreibtisch knallte, hat er gesagt: Zu blöd, zum Verhüten. Aber wenigstens zahlt er. Am Anfang noch mit Murren und auf Nachfrage. Inzwischen pünktlich.
Rosa schließt das Fenster und fährt den PC hoch. Während sie noch darauf wartet, dass sich das System betriebsbereit zeigt, lässt sie den Blick durch das kleine Büro schweifen. Ihr ganzer Schreibtisch ist übersät mit Notizblättern. Unmengen an Klebezettel auf denen Dinge stehen wie: Hausverwalter anrufen. Oder: Seminar buchen. Der Hausverwalter ist wichtig, die Toilettenspülung läuft jedes Mal nach, wenn sie nicht aufpasst. Aber das Seminar hat sich erledigt, Anmeldestopp war gestern. Es wäre sowieso zu teuer gewesen.
Auch ihr Notizbuch ist randvoll mit handgeschriebenen Gedanken – eine Gewohnheit, die sie nie aufgegeben hat. Und die Art, nach der sie auch immer noch arbeitet. Du bist viel zu oldschool, hat eine Seminar-Kollegin einmal dazu gesagt. Aber sie ist nicht nur oldschool, sie ist eben auch tatsächlich alt. Jedenfalls für die Werbebranche, wo immer alles jung, frisch und innovativ sein muss. Mit knapp 60 kann man nicht mehr so tun, als wäre man gerade frisch von der Uni. Wenn ihr Budget es erlauben würde, dann könnte sie einiges davon in diese teuren Maßnahmen investieren, die ihr Äußeres wieder etwas glatter machen würden. (Ob ihre Sorgen davon kleiner würden, bliebe allerdings weiterhin offen.) Millionen von Euro werden jeden Tag unter die Haut gespritzt, mit dem Ergebnis, dass am Ende alle gleich aussehen. Sechzig ist nicht mehr die neue Fünfzig, sechzig ist die neue Vierzig
Endlich zeigt sich das betriebsbereite Displayfenster und Rosa gibt ihr Passwort ein. Sieben neue Nachrichten. Sie öffnet ihr Postfach und scrollt sich nach unten. Rechnungen, die Ankündigung für ein neues Webinar, Werbung. Kein Auftrag in Sicht. Mit Wehmut denkt Rosa an ihre Anfänge. Damals, direkt nach der Jahrtausendwende, konnte sie sich vor Aufträgen kaum retten. Aber damals war ihr das Schreiben auch noch leichtgefallen. Da konnte sie jedem noch so öden Thema Leben einhauchen. Doch wo früher Ideen aus ihr herausgesprudelt sind, witzige Werbeslogans, die ins Ohr gingen, Texte, die die Leser fesselten, fühlt es sich inzwischen an, als ob die Sprache sich immer weiter von ihr entfernt. Oder als ob sie und die Werbewelt nicht mehr dieselbe Sprache sprächen.
SEO-optimierter Content, KI-gestützte Texterstellung, Social-Media-kompatible Headlines – lauter Begriffe, die ihr früher höchstens mal beiläufig begegnet sind. Inzwischen sind sie längst Standard. Natürlich hat sie versucht, Schritt zu halten, hat Online-Kurse belegt, sich in neue Tools eingearbeitet. Doch was hat es ihr gebracht? Früher war ein guter Text ein guter Text. Heute muss er klickstark sein, algorithmusfreundlich und auf diverse Plattformen zugeschnitten.
Eine neue Mail ploppt auf. Von Dönerstag, diesem kleinen Dönerladen in der Altstadt, der nächsten Monat eröffnen will und dessen Webseite sie gestaltet hat. Ob sie die letzte Textfassung noch einmal überarbeiten kann, will der Betreiber wissen. Es soll großartiger sein, emotional und unkonventionell, aber bloß nicht so, dass seine Oma beim Anblick der Kampagne Schnappatmung bekommt. Sie macht sich Notizen, das Wort „emotional“ schreibt sie gleich fünfmal in den Notizblock. Am besten sie fängt noch einmal ganz von vorne an.
Der Anfang ist immer am schwersten. Der verzweifelte Kampf gegen das leere Blatt. Rosa probiert, verwirft wieder, probiert etwas anderes. Zu flach, zu metaphorisch, zu abgedreht. Irgendwann steht endlich ein neuer Entwurf, den sie in einem nervösen Akt des Loslassens per Mail verschickt.
Das Feedback kommt nur wenige Minuten später. Können wir das noch ein bisschen frischer machen? Irgendwie fehlt mir noch der Wow-Effekt. Ja, klar. Die Leute wollen Wow-Effekte, aber bitte zu Aldi-Preisen.
Rosa überarbeitet den Text ein weiteres Mal – bis er wieder so aussieht, wie schon ganz am Anfang.