26. Kapitel
Rosa
Das Firmengebäude ist ein hässlicher Klotz am Rande eines Gewerbegebiets, zwischen einem Baumarkt und einem Discounter für Bürobedarf. Wegen einer unvorhersehbaren Baustelle kommt Rosa zehn Minuten zu spät und hat keine Zeit mehr, lange nach einem freien Platz zu suchen, also stellt sie ihren Wagen einfach auf einen, an dem Geschäftsleitung 3 steht. Sie kommt ja schließlich in wichtiger Mission.
In der Halle nennt sie der Dame am Empfang ihren Namen. Sie nimmt dabei ihre Ich-bin-wichtig-Haltung ein, doch die Frau nickt nur unbeeindruckt und bedeutet ihr, auf einer abgewetzten Ledercouch Platz zu nehmen.
Trotz ihrer eigenen Verspätung lässt der Chef, Herr Wagner, sie noch weitere zwanzig Minuten warten, bevor er endlich mit einem müden Lächeln auftaucht.
„Frau Mayen.“
Fester Händedruck, wettergegerbtes Gesicht, fettige Haare, registriert Rosa und steht auf. Sie versucht eine gewisse Begeisterung in ihr Lächeln zu legen, während er ihre Hand quetscht.
„Rosa?“, sagt er und mustert sie. „Ich hatte Sie mir jünger vorgestellt.“
Es klingt wie ein Scherz, aber seine Augen bleiben regungslos. Rosa kann auch nichts Humorvolles darin erkennen. Er führt sie in ein Büro, dessen Einrichtung die Ästhetik eines vergessenen Archivs hat. Ein Tisch, überladen mit Papieren, Prospekten und einem Bildschirm, der aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen scheint.
„Also, Ihre Ideen klingen ja ganz vielversprechend.“ Er setzt sich. „Legen Sie mal los.“
Rosa atmet tief durch und präsentiert ihm ihre Notizen. Sie spricht über Design und Zielgruppen, einfache Navigation und klare Strukturen. Als sie merkt, dass ihre Stimme zu schnell wird, bremst sie sich, und versucht, wieder lockerer zu klingen.
Wagner nickt. Nicht zustimmend, aber auch nicht ablehnend. Ein reines Reflexnicken. Aber Rosa spürt schon jetzt, dass er nicht mehr richtig zuhört. Seine Finger trommeln auf die Tischkante, während der Blick ruhelos zum Fenster wandert und schließlich wieder bei ihr ankommt.
„Ja, das ist alles schön und gut. Aber, nehmen Sie es mir nicht übel, sind Sie denn noch auf dem Laufenden. Ich meine, da hat sich in den letzten Jahren doch viel getan.“
Rosa schaut sich in dem verstaubten Büro um und lächelt. „Sie können sich ganz auf mich verlassen. Ich bin seit weit mehr als einem Vierteljahrhundert im Geschäft, ich weiß genau, was ich tue.“
„Schön und gut, aber ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich habe gestern Abend noch mit einem Tennisfreund gesprochen. Sein Neffe ist auch in der Werbung. Ein junger, vielversprechender Mann.“
Rosa merkt, dass ihr das Lächeln zu entgleiten droht. Erwartet er etwa, dass sie dazu etwas sagt? Sich für ihr Alter entschuldigt?
„Er würde auch nur etwa die Hälfte von dem nehmen, was Sie hier veranschlagt haben“, sagt Wagner und zeigt auf ihr Angebot.
Ach, daher weht der Wind. Sie überlegt angestrengt. Was soll sie jetzt tun? Ihn beschwichtigen, etwas anbieten, das ihn überzeugt? Eine Art Rabatt vielleicht oder das Versprechen, mehr zu liefern, als dieser Neffe in der Lage sein würde, was auch immer das sein mochte.
Wagner verschränkt die Arme vor der Brust, als hätte er gerade einen Entschluss gefasst. „Tja, ich fürchte …“
Plötzlich wird Rosa von einer heißen Welle der Wut erfasst. Sie ist eine gestandene Geschäftsfrau, mit dreißig Jahren Berufserfahrung. Und jetzt sitzt sie hier wie eine Bettlerin und muss sich sagen lassen, dass sie zu alt und ihr Geld nicht wert ist.
„Verstehe“, sagt sie betont ruhig und steht auf. „Dann würde ich vorschlagen, Sie geben dem Neffen Ihres Tenniskumpels eine Chance. Diese hier haben Sie jedenfalls vertan.“
Der Mann schaut auf, überrascht. Erst ein Zucken in den Augenbrauen, dann dieses typische, leicht gereizte Lächeln, das Männer wie er aufsetzen, wenn sie merken, dass sie jemanden unterschätzt haben und sich gleichzeitig trotzdem überlegen fühlen.
„Jetzt warten Sie mal“, sagt er und hebt beschwichtigend die Hände, als hätte Rosa gerade angekündigt, das Büro in Brand zu setzen. „So war das doch gar nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, dass junge Leute heute einfach ein anderes Mindset mitbringen. Frischer. Schneller. Flexibler.“ Er lehnt sich zurück in seinen abgewetzten Ledersessel. „Ich schätze Ihre Erfahrung natürlich sehr, das war auch keine Kritik. Eher… ein Hinweis auf die Realität.“
Rosa schnaubt innerlich. Realität. Natürlich. Immer dieses große Wort, das Männer wie er gern benutzen, wenn sie eigentlich Klischee meinen.
„Es wäre doch schade, wenn wir jetzt auf dieser Basis auseinandergehen. Vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit der Zusammenarbeit. Eventuell in einem kleineren Rahmen?“ Er lächelt, als hätte er ihr gerade ein Friedensangebot gemacht. In Wirklichkeit hat er ihr einen kleinen Happen hingeworfen und hofft, dass sie sich gleich darauf stürzt. Aber da hat er sich geschnitten. Ohne ein weiteres Wort dreht Rosa ihm den Rücken zu und verlässt den Raum.
Draußen zieht sie sich die Jacke fester um den Körper. Obwohl die Luft eigentlich mild ist, fröstelt sie. Zwei Monate Luft hätte ihr dieser Auftrag verschafft. Zwei Monate ohne finanziellen Druck. Stattdessen: nichts. Nur eine sinnlose Fahrt von 60 Kilometern. Sie spürt, wie die Enttäuschung langsam in ihr hochsteigt. Zu allem Überfluss und in einem Anflug von Größenwahn hat sie Ben gestern Abend auch noch dreißig Euro spendiert. Und das nur, weil er ausnahmsweise sein Zimmer aufgeräumt hat (was aufgeräumt bei ihm bedeutet, hat sie leider erst am Morgen gesehen, als sie unter sein Bett geschaut hat). Und gleich steht auch noch ihr Vater auf dem Programm. Nur der Gedanke, dass sie dabei auch Conni wieder sehen wird, gibt ihr etwas Auftrieb.
Am Auto angekommen wartet schon der nächste Ärger. An der Windschutzscheibe hängt ein Zettel: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft, einen Parkplatz zu finden, der ausdrücklich für die Geschäftsführung reserviert ist!! Beim nächsten Mal lasse ich Sie abschleppen!!!