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Eine Frage der Schuld?

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Der Wunsch nach einer einfachen Antwort

Nach jeder Katastrophe kommt irgendwann die gleiche Frage: Wer ist schuld?

Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion. Schuld schafft Ordnung. Sie macht das Unfassbare erklärbar und gibt uns das Gefühl, dass sich solche Ereignisse hätten verhindern lassen. Wenn jemand verantwortlich ist, dann scheint die Welt wieder berechenbar.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal liegt fünf Jahre zurück. Beinahe unmittelbar nach dem Unglück begann die Suche nach dem/den Schuldigen: Haben Behörden versagt? Wurde zu spät gewarnt? Hätte früher evakuiert werden müssen?

Diese Fragen sind richtig und notwendig. In einem Rechtsstaat muss staatliches Handeln überprüft werden. Behörden tragen Verantwortung, und Fehler müssen aufgearbeitet werden – nicht, um Schuldige zu präsentieren, sondern um künftig besser vorbereitet zu sein.

Doch wir sollten vorsichtig sein mit Urteilen, die wir im Rückblick fällen. Heute kennen wir den Ausgang der Katastrophe. Die Verantwortlichen damals kannten nur Prognosen und Wahrscheinlichkeiten. Dass die Warnungen ernst waren, steht außer Frage. Das tatsächliche Ausmaß der Flut war aber noch nicht mit letzter Sicherheit vorhersehbar.

Noch eine unbequeme Frage

Mich beschäftigt aber auch noch eine andere Frage, über die deutlich seltener gesprochen wird.

Welche Verantwortung tragen eigentlich wir selbst?

Die Flut wird häufig als Folge des Klimawandels eingeordnet. Wenn wir diesen Zusammenhang anerkennen, dann sollten wir uns auch eingestehen, dass der Klimawandel nicht ausschließlich das Problem von Politik und Industrie ist. Er ist auch das Ergebnis unseres Lebensstils – unseres Konsums, unserer Mobilität und unseres Verständnisses von Wohlstand.

Natürlich trägt niemand allein die Verantwortung. Aber ebenso kann niemand behaupten, völlig unbeteiligt zu sein.

Was heißt hier Verantwortung?

Vielleicht liegt genau darin der Widerspruch unserer Zeit: Wir erwarten vom Staat, Risiken zu beherrschen, die wir als Gesellschaft mit geschaffen haben. Und wenn diese Sicherheit versagt, richten wir den Blick fast ausschließlich auf diejenigen, die uns hätten schützen sollen.

Der Staat hat eine Schutzpflicht. Er muss Warnsysteme verbessern, Katastrophenschutz stärken und aus Fehlern lernen. Aber er kann weder jede Naturkatastrophe verhindern noch uns von jeder Form der Eigenverantwortung entlasten.

Damit soll den Betroffenen kein Vorwurf gemacht werden. Wer Angehörige oder sein Zuhause verloren hat, verdient Mitgefühl und Unterstützung. Doch Solidarität bedeutet mehr als Wiederaufbau und finanzielle Hilfen.

Sie bedeutet auch, den unbequemen Blick in den Spiegel zu wagen.

Vielleicht sollten wir deshalb nach Katastrophen nicht nur fragen, wer Verantwortung trägt, sondern auch, wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Denn Verantwortung ist keine Last, die immer die anderen tragen müssen. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, sie ausschließlich von anderen einzufordern.

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