23. Kapitel
Conni
Conni steht am Fenster und sieht dem Makler nach. Mit federnden Schritten geht er über den Waschbetonplatten-Weg und strahlt dabei die Zufriedenheit eines erfolgreichen Geschäftsmannes aus.
Er war sehr nett. Hat sich viel Zeit genommen, alles in Ruhe angesehen und vieles erklärt. Seine Einschätzung war trotzdem niederschmetternd. Die Lage, Frau Landauer. Und dann dieser Sanierungsstau. Ich steig einmal bei 255.000 ein, aber versprechen kann ich nichts.
Dabei hatte sie extra das ganze Haus aufgeräumt und geputzt, vom Keller bis zum Speicher. Und auch sonst einige Verbesserungen vorgenommen. Die hat er allerdings mit keinem Wort gewürdigt. Wie auch, er kennt ja nur den Ist-Zustand. Den schrecklichen Sekretär, den sie gleich nach der Beerdigung zusammen mit Till in den Keller geschleppt hat, hat er nicht mehr gesehen. Auch nicht die vielen verstaubten Fotos, Karstens Ahnengalerie, die jahrzehntelang die ganze Wand beherrscht haben.
Den Sekretär hatte ihre Schwiegermutter dem Bubele vor Jahren geschenkt und auch gleich den Platz dafür bestimmt. Direkt neben dem Fenster, wo er den ganzen Raum dominierte. Und Karsten, das Bubele, dieser Mann, der sonst so genau wusste, was er wollte oder eben nicht, hat brav genickt und sich über den Kopf streichen lassen. So wie Conni es gerade bei Charlie tut.
Sie fragt sich, wann und wie aus diesem soliden Haus, in dem sie immerhin vierzig Jahre gut gelebt haben, ein solcher Problemfall werden konnte. Heizung, Fenster, Bäder, nichts hat den Ansprüchen des Maklers genügt. Dabei hat Karsten immer behauptet, mit einem eigenen Haus, sei man auf der sicheren Seite. War wohl auch nur eine Illusion. Bei dem im Raum stehenden Verkaufswert wird nach Abzug von Krediten und Maklerprovision wohl nicht mehr viel übrigbleiben.
Charlie bekommt von all dem nichts mit. Genüsslich lässt er sich den Nacken kraulen.
„Für dich wird’s auch schwer“, murmelt Conni. „Ohne deine Laterne.“
Statt einer Antwort sabbert er auf ihren Schoß. Sie wischt die schleimige Spur ab und klappt den Laptop auf. Es ist vielleicht noch ein bisschen früh, aber sicher kann es nichts schaden, wenn sie sich schon einmal nach passenden Objekten umschaut. Wohnen muss sie ja schließlich trotzdem.
Jutta, ihre frühere Nachbarin, hat eine Wohnung über Immo-Scout gefunden. Es sei ganz einfach gewesen, hat sie gesagt. Also öffnet Conni die Seite und will gleich loslegen, doch um sich durch die Tore des digitalen Wohnraums zu bewegen, wird erst einmal eine Gegenleistung von ihr verlangt: Sie muss sich registrieren. Daten gegen Zugang. Conni seufzt. Das ist nervig, aber nicht unüberwindbar. Sorgfältig trägt sie Name, Mailadresse und Passwort in die vorgesehenen Felder ein und klickt auf „Weiter“.
Dann die Frage: Kaufen oder mieten?
Was für ein binäres Weltbild. Besitz oder Abhängigkeit. Kapital oder monatlicher Tribut. Die Entscheidung ist trotzdem einfach, ihre Lebensrealität lässt sowieso nur eine Möglichkeit zu. Als nächstes steht die Entscheidung: Haus oder Wohnung an. Natürlich Wohnung. Sie gibt die gewünschte Postleitzahl ein und einen Umkreis von fünf Kilometern. Alles andere, also Anzahl der Zimmer, Größe und Preis, lässt sie offen. Sie hat keine Vorstellung.
37 Angebote, die neuesten stehen ganz oben. Das erste Objekt ist eine Wohnung mit zwei Zimmern im vierten Stock. Plattenbau, 45 Quadratmeter. Laminat im Schlafzimmer und im Flur, Fliesen in Küche, Bad und Wohnzimmer. 490 Euro kalt. Der Preis ist akzeptabel, aber vorstellen kann sie sich das trotzdem nicht.
Das nächste ist ein Penthaus mit 130 Quadratmetern und Kamin. Schon eher, aber leider mit insgesamt 1.950 Euro jenseits ihrer Preisklasse. Und die Erdgeschosswohnung mit drei Zimmern im Mehrfamilienhaus ist zwar wieder bezahlbar, allerdings liegt der Balkon mit Blick auf einen Parkplatz und das Bad ist winzig. Das muss sie sich noch mal überlegen. Es folgt eine Dreizimmerwohnung im Nachbarort. Geht auch nicht. Sie liegt direkt an der Hauptstraße und hat Energieklasse G. Was das bedeutet, hat ihr der junge Makler vorhin ausführlich erklärt: Sie brauchen einen Energieausweis, Frau Landauer, aber ich sag‘s Ihnen gleich wie es ist: Dieses Haus ist eine energetische Vollkatastrophe. Die Räume sind viel zu groß, die Fenster alt und der Dachboden ist nicht gedämmt. Sie haben 40 Jahre ihren Garten mitgeheizt.
Bis dahin hat Conni gar nicht gewusst, was genau ein Energieausweis überhaupt ist. Und noch weniger, wie sich die Zahlen und Buchstaben darauf berechnen. Irgendwas mit Dämmung, Fensterisolierung, Heiztechnik, klar. Und klar haben sie die Teuerung der Gaspreise auch im eigenen Portemonnaie gespürt. Sie haben sich ja nicht zum Spaß in den letzten Wintern angewöhnt, abends Fleecejacken und dicke Wollsocken anzuziehen. Die Zeiten in denen man das Haus einfach hochgeheizt hat, wenn einem kalt war, sind schon länger vorbei. Aber dass es deshalb nur noch den halben Wert von dem haben soll, den Karsten ihr immer vorgerechnet hat, damit hat Conni dann doch nicht gerechnet.
Daran kann auch der nachträglich angebaute Wintergarten offensichtlich nichts ändern. Im Gegenteil. Noch etwas, das dringend saniert werden muss. Und die Sauna im Keller hat Schimmel. Es war ihr nicht einmal aufgefallen, seit Karsten krank wurde, hat niemand sie mehr benutzt.
Mit der ebenfalls dringend sanierungsbedürftigen Wohnung ihrer Eltern, verfügt Conni also über insgesamt 230 qm schwer verkäuflichen Wohnraum. Das ganze Haus, früher ein Paradebeispiel für Schöner Wohnen, ist heute eines für Verfall und Vergänglichkeit.
Juliane war es schon zu Teenagerzeiten peinlich, Freunde mit nach Hause zu bringen, aber sie hatte es damals eher unter den Aspekten Überfluss und Verschwendung einsortiert. Als es gebaut wurde, war eben auch noch eine andere Zeit. Da galt Gas als fortschrittlich und Wintergärten und Saunen waren Prestigeobjekte, die man den Besuchern gerne präsentierte. Konsum und Wachstum waren damals noch Begriffe, die durchweg positiv besetzt waren, nicht wie heute, wo hinter jeder Anschaffung die Frage der Nachhaltigkeit steht.
Ein dumpfer Schlag holt Conni aus ihrer Gedankenblase. Reflexhaft hebt sie den Kopf. Ein Vogel ist gegen die große Scheibe geflogen. Hoffentlich lebt er noch. Er wäre nicht der erste, der sich an der Transparenz menschlicher Architektur das Genick bricht.
Sie öffnet das Schiebeelement und sieht das Tier auf dem Boden hocken, benommen und aus dem Gleichgewicht gefallen wie ein Fehler im System, aber am Leben. Conni betrachtet ihn einen Moment, dann schließt sie das Fenster wieder. Es ist, wie es ist. Sie kann es nicht rückgängig machen und helfen kann sie ihm auch nicht. Sie kann nur hoffen, dass er sich wieder berappelt.
Sie setzt sich zurück auf ihren Platz, stöbert weiter. Das hier wäre vielleicht was. Eine sehr hübsche Altbauwohnung, drei Zimmer, 78 Quadratmeter. Und laut Gesetz ist hier noch nicht einmal ein Energieausweis erforderlich. Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Sie klickt sich durch die Fotos. Die Wohnung hat Stuckdecken, eine Flügeltür zwischen Küche und Wohnzimmer, Schiffsgrätenparkett und einen Balkon für die Blumen. Doch dann wirft sie einen Blick auf den Mietpreis und klappt den Laptop ernüchtert zu.
Der Platz auf der Terrasse ist jetzt leer, der Vogel weg. Nur die Spuren auf der Scheibe zeigen, welches Drama sich hier vor wenigen Minuten zugetragen hat. Erleichtert macht Conni sich auf den Weg in den Keller, um ein weiches Tuch zu holen. Im Vorbeigehen schaltet sie das Radio ein. Die Beatles singen: Here comes the sun. Beim Laufen bewegt sie die Füße im Takt. Der glatte Boden fühlt sich gut an unter ihren nackten Sohlen.
Als sie mit dem Tuch zurückkommt, ist die Musik verklungen und der Moderator meldet sich: „Unser Thema heute: Das Erbe der Boomer!“, röhrt er. „Während die Millennials und Generation Z mit steigenden Mieten, Klimawandel und Digitalisierungswahn kämpfen müssen, lehnt sich die Boomer-Generation entspannt zurück – mit sicherer Rente, abbezahltem Eigenheim und der festen Überzeugung, dass früher alles besser war. Gendersternchen? Unnötig. Klimakrise? Heiße Sommer gab’s doch schon immer. Digitalisierung? Warum kompliziert, wenn das Fax noch funktioniert? Überschuldung? Müssen die Jungen sich drum kümmern. Dabei waren es doch gerade die Boomer, die von den guten wirtschaftlichen Zeiten profitiert und teils genau die Politik gemacht haben, die zu der Misere geführt hat. Und jetzt? Während die Jungen sich abstrampeln und sich den Folgen einer fehlgeleiteten Politik stellen sollen, genießen die Boomer ihre dritte Kreuzfahrt im Jahr – und beschweren sich kopfschüttelnd über die Jugend, die von Work-Life-Balance schwafelt und einfach nicht mehr richtig durchzieht.“