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Boomerang – Zurück auf Los

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22. Kapitel

Conni

Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend lässt Conni sich ins Besprechungszimmer führen. Herr Haller hat vor ein paar Tagen angerufen und um einen Termin gebeten, es gebe etwas zu klären, hat er gesagt. Aber auch, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Natürlich macht sie sich trotzdem welche. Von Bankgeschäften hat Conni keine Ahnung, das war immer Karstens Terrain. Er hat verdient, sie verwaltet. Die Kinder, das Haus, den Alltag. Und jetzt soll sie mit Herrn Haller über etwas sprechen, von dem sie nichts versteht. Als wäre sie eine, die wüsste, wie man solche Dinge regelt.

Sie sieht sich um. Der Raum wirkt steril und unpersönlich. Viel Glas, wenig Wärme. Herr Haller kommt und reicht ihr die Hand. Ein fülliger Mann mit schütterem Haar und Doppelkinn. „Frau Landauer, danke, dass Sie so schnell Zeit gefunden haben.“ Er bedeutet ihr mit einer Geste, sich zu setzen. „Ich will ehrlich mit Ihnen sein“, kommt er gleich zur Sache und schiebt ihr einen Ausdruck über den Tisch. „Die Restschuld ist noch deutlich höher, als Sie vermutlich annehmen.“

Conni nimmt das Blatt, ohne wirklich hinzusehen.

„Ihr Mann hat damals eine große Summe verloren.“

„Das weiß ich.“

Der Bankberater faltet die Hände. „Das Haus war noch nicht abbezahlt, es kamen Anschlussfinanzierungen, Modernisierungskredite … Ihr Mann hat in den letzten Jahren mehrfach umgeschuldet. Die Raten sind zwar niedrig gewesen, aber die Laufzeiten … nun ja.“

Conni atmet tief durch. „Und was bedeutet das jetzt?“

„Mit Ihrer Witwenrente und Ihrem derzeitigen Einkommen …“ Haller schüttelt den Kopf. „Selbst wenn Sie drastisch sparen, würde es schwierig.“

Conni spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. Dieses Haus ist ihr immer viel zu groß vorgekommen, außerdem trägt es zu sehr Karstens Handschrift, aber es ist ihr Zuhause. Es war das Zuhause ihrer Töchter, der Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Und das ihrer Eltern. Es ist der Ort, an dem so viel Leben passiert ist.

„Was bedeutet das jetzt?“ fragt sie, obwohl sie die Antwort schon ahnt.

Haller räuspert sich. „Ja, also…, wenn Sie nicht völlig auf Lebensqualität verzichten wollen, dann bleibt eigentlich nur eine Lösung.“

„Sie meinen verkaufen?“

Er nickt und Conni lacht leise. Nicht, weil es witzig ist, sondern weil ihr die ganze Situation so absurd vorkommt.

„Ich hatte Ihren Mann in dieser, äh, Angelegenheit schon mehrfach um ein Gespräch gebeten, aber …“

„Er war krank.“

„Das ist mir bewusst, wir haben deshalb auch immer wieder versucht, ihm zu helfen.“

„Aber bei mir können Sie das nicht mehr?“

Er schüttelt betrübt den Kopf. „Wenn Sie jetzt nicht die Reißleine ziehen, dann wird zwangsversteigert und Ihnen wird noch weniger bleiben.“

Sie wirft einen Blick auf den Ausdruck.

„Schauen Sie sich die Zahlen in aller Ruhe an“, sagt Haller sachlich und schiebt ihr auch gleich noch die Visitenkarte des bankeigenen Maklers zu. „Und melden Sie sich, wenn Sie zu einer Entscheidung gekommen sind.“

 

Auf dem Heimweg denkt Conni darüber nach, was das für sie bedeutet. Sie hat von Hausverkäufen so wenig Ahnung wie von Bankgeschäften. Es ist auch so verdammt ungerecht. Wofür hat sie sich denn all die Jahre abgerackert, von früh bis spät die immer gleichen Dinge erledigt, die immer gleichen Dinge gesagt? Tagein, tagaus ist sie zur Arbeit gegangen, hat zu Hause die Launen ihres Mannes ertragen, und im Heim, die der alten Leute. Damit sie sich noch etwas leisten konnten, einen Urlaub, einen neuen Mantel, ab und zu ein Essen in der Stadt. Sie hat ihre Stunden natürlich aufgestockt, es ging gar nicht anders, und wenn es trotzdem nicht gereicht hat, weil sie eine neue Waschmaschine brauchten oder einen neuen Fernseher, haben sie sich eben etwas Geld bei der Bank geliehen. Weil man das so macht. Und weil man sie in dem Glauben erzogen hat, dass das nun mal die Regeln sind. Dass sie dafür aber ihre Unabhängigkeit Stück für Stück aufgegeben haben, das hat ihr niemand gesagt.

Dabei hat sie immer geglaubt, sie würde irgendwann etwas zurückbekommen. Weil Leute wie sie am Ende doch die Garanten sind, die dieses ganze System überhaupt erst am Laufen halten.

 

Zu Hause läuft sie durch die Räume und versucht sie mit anderen Augen zu sehen. Wie jemand, der das Haus nicht kennt und der nicht weiß, wieviel Leben hier stattgefunden hat. Die langen Tage, an denen sie allein mit den Kindern war. Die Abende mit Karsten vor dem Fernseher. Die Geburtsfeiern der Mädchen, die Weihnachtsfeste, die Grillabende im Sommer mit Freunden. Bald werden Menschen hier wohnen, die all das nicht wissen und die Räume und den Garten nach ihren Vorstellungen gestalten, so lange, bis nichts mehr von Connis Familie übrig ist.

Vorhin hat sie kurz darüber nachgedacht, spontan bei Leni und Till vorbeizufahren und den beiden das Haus anzubieten. Doch dann hat sie die Idee wieder verworfen. Till ist zwar ehrgeizig und verdient bestimmt auch nicht schlecht, aber Leni hat keinerlei Vermögen. Sie hat noch nicht einmal einen Job. Und die Beziehung steht – daran lässt sich nicht vorbeidenken – auf eher unstabilen Füßen. Till hatte sich damals sicher in Lenis Schnodderigkeit verliebt, in ihr vorlautes aufgesetztes Selbstbewusstsein, in ihre scheinbare Leichtigkeit und die vorgeschobene Furchtlosigkeit. Doch was ist davon noch übrig, jetzt wo er die andere Leni kennt?

Eigentlich ist es bei ihrer Kleinen immer so, denkt Conni weiter. Sobald sie sich zu jemandem hingezogen fühlt und nach dessen Liebe lechzt, verliert sie all die Eigenschaften, die sie so besonders liebenswert machen. Dann wird sie unsicher und kompensiert das durch ständiges beleidigtes Nörgeln.

Und Juliane? Conni setzt sich in den Sessel und denkt nach. Juliane ist jetzt schon seit über 15 Jahren in Afrika. Vielleicht wäre es ja langsam an der Zeit wieder nach Hause zu kommen und sesshaft zu werden. Vielleicht sogar eine eigene Familie zu gründen. Und vielleicht wäre die prekäre Situation ihrer Mutter ja genau der Grund, der ihr für diesen Schritt noch fehlt. Das Haus ist groß genug, es bietet Platz für sie beide. Auch für eine Praxis.

Conni greift zum Telefon. Halb drei, das bedeutet, im Sudan ist es jetzt halb eins. Zwölf Ziffern, die Vorwahl mitgerechnet. Sie hat alle im Kopf. Es läutet vier Mal, dann hört sie Julianes Stimme, so deutlich, als wäre sie nur wenige Kilometer entfernt.

„Mama? Ist was passiert?“

„Nein.“ Conni räuspert sich, weiß plötzlich nicht, wie sie anfangen soll. „Es ist nur … ich war heute Morgen bei der Bank.“

„Ja?“

„Es sieht nicht gut aus.“ Sie schildert ihrer Tochter, was der Bankberater gesagt hat.

„Das tut mir leid.“

„Ihr seid hier aufgewachsen.“

„Ich hänge nicht daran, wenn das deine Sorge ist.“

„Und deine Großeltern sind hier gestorben. Und jetzt noch Karsten.“

„Ach Mama. Es ist trotzdem nur ein Haus.“

„Für mich ist es mehr.“

Einen Moment bleibt es still. „Ich habe etwas angespart, aber das wird sicher nicht reichen“, sagt Juliane schließlich.

„Das Haus ist doch viel zu groß für mich allein.“

„Das denke ich auch.“ Sie klingt erleichtert. „Verkauf es und mach dir ein schönes Leben.“

„Ich habe mir etwas anderes überlegt. Wenn du … ich meine, wäre es für dich nicht an der Zeit, wieder zurückzukommen?“

„Was?“

„Die Wohnung von Oma und Opa steht leer. Man müsste zwar einiges investieren, aber man könnte dort bequem eine Praxis unterbringen. Und aus unserer Wohnung könnte man zwei machen. Ich selbst brauche ja nicht viel …“

„Mama! Du willst allen Ernstes, dass ich das hier aufgebe, damit du das Haus behalten kannst?“

„Ich würde es dir natürlich überschreiben.“

„Ich will es aber nicht.“

„Ach, Juliane, denk doch mal nach, du bist jetzt über vierzig. Willst du denn für immer im Sudan bleiben?“

„Das weiß ich nicht, Ärzte werden auch in anderen Ländern gebraucht.“

„Ach so.“ Die Enttäuschung ist unmittelbar und legt sich auf Conni wie ein graues schweres Tuch. Sie hatte immer angenommen, es sei nur eine Phase. Etwas, dass Juliane eine Zeitlang tut, bevor sie sich dem wirklichen Leben widmet. „Dann kommst du also gar nicht mehr zurück?“

„Eher nicht, nein.“

„Aber …“

„Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.“

Conni schluckt. Sie ist noch in dem Bewusstsein erzogen worden, dass es eine unausgesprochene Abmachung gibt, eine Art Generationenvertrag, in dem sich Fürsorge und Dankbarkeit gegenseitig bedingen. Man zieht seine Kinder groß, begleitet sie durch die Unsicherheiten der Jugend, zahlt Musikunterricht und Zahnspangen, hilft beim ersten Umzug – und irgendwann kehrt sich das Verhältnis um. Dann sind es die Kinder, die anrufen und fragen, ob alles in Ordnung ist, die Einkäufe erledigen und sich um die Eltern kümmern. Doch jetzt, mit 64, muss Conni feststellen, dass dieser Vertrag in ihrem Fall offenbar einseitig war.

„Mama?“

„Ja. Ich bin noch da.“

„Sei mir nicht böse.“

„Ich bin nicht böse, ich bin nur … .“ Enttäuscht, will sie eigentlich sagen. „Nur müde“, sagt sie stattdessen. Im Hintergrund hört sie aufgeregte Stimmen.

„Es tut mir leid aber ich muss…“, sagt Juliane.

„Schon gut, ich weiß. Also dann.“

„Also dann.“

Conni legt auf und starrt mit leerem Kopf auf ihre Hände. Nie hat sie sich einsamer gefühlt. Karsten ist tot und ihre Töchter leben ihr eigenes Leben, in dem sie schon lange aufgehört hat, ein wichtiger Teil zu sein. Sie ist auch längst nicht mehr die unantastbare Autorität der ganz frühen Kinderjahre, sie ist nur noch lästig. Eine lästige Mutter, deren Bedürfnisse nicht mehr zwangsläufig bedient werden müssen. Die Mädchen haben jedenfalls ganz offenbar nicht das Gefühl, ihr irgendetwas zu schulden.

So war das.

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