Mathias Schirmacher über Limburg und seine Geschichte(n)
Beim vierten Literaturcafé geschah etwas Bemerkenswertes: Es ging nicht in erster Linie um Literatur. Das ist ungefähr so, als würde man zu einem Weinabend erscheinen und feststellen, dass zunächst über Rebschnitt gesprochen wird. Doch wie sich herausstellte, hatte auch dieser Umweg seinen Reiz.
Gastdozent Mathias Schirmacher nahm die Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte Limburgs. Unterstützt von historischen Fotografien und einer Präsentation, die erfreulicherweise mehr zu bieten hatte als die üblichen PowerPoint-Unfälle unserer Zeit, entfaltete sich die Geschichte einer Stadt, die heute vor allem für ihre malerische Altstadt bekannt ist.
Warum die Stadt bleiben durfte
Wer durch Limburgs Gassen schlendert, könnte leicht glauben, die Fachwerkhäuser hätten dort seit Jahrhunderten geduldig auf Selfiesticks und Reisegruppen gewartet. Tatsächlich verdankt die Stadt ihr heutiges Gesicht aber in erheblichem Maße einem Mann, der sich dem damaligen Zeitgeist widersetzte: Dr. Ernst Schirmacher, Architekt und Vater des Referenten, übernahm 1968 die Leitung der Altstadtsanierung. Während andernorts historische Bausubstanz großzügig dem Fortschrittsglauben geopfert wurde, kämpfte er gegen Abrissbirnen, wirtschaftliche Interessen und jene Form von Gleichgültigkeit, die oft den größten Schaden anrichtete. Viele der Häuser, die heute als Postkartenmotive dienen, stehen nur deshalb noch, weil damals jemand hartnäckig genug war, ihren Wert zu erkennen.
Von Säckern und anderen Limburger Eigenheiten
Geschichte wird besonders interessant, wenn sie sich nicht nur in Jahreszahlen ausdrückt, sondern auch in Geschichten. So erfuhren die Besucher ganz nebenbei, warum die Limburger „Säcker“ genannt werden. Die populäre Version erzählt von kräftigen Männern, die Säcke an einer engen Stelle der Altstadt von den Fuhrwerken hievten und zu Fuß weitertrugen. Schirmacher bevorzugt eine weniger romantische, dafür plausiblere Erklärung: Die Säcker waren jene Männer, die auf der Lahn die Kähne be- und entluden. Auch das klingt nach harter Arbeit, nur mit mehr Wasser.
Selbst einige deutsche Sprichwörter bekamen an diesem Nachmittag ein historisches Fundament. Das „Schlitzohr“ etwa war ursprünglich keineswegs eine humorvolle Charakterbeschreibung, sondern ein Mensch, dem man den Ohrring aus dem Ohr gerissen hatte – eine sichtbare Erinnerung daran, dass er die Grenzen zwischen mein und dein gelegentlich etwas großzügig ausgelegt hatte.
Engagement für Schloss und Schlosswingert
Doch Schirmacher beschäftigt sich nicht nur mit der Vergangenheit. Als Zweiter Vorsitzender des Fördervereins Limburger Schloss e.V. setzt er sich für die Sanierung des Schlosses und dessen zukünftige Nutzung ein. Als Erster Vorsitzender des Limburger Schlosswingert e.V. kümmert er sich zudem um den Schlossgarten, der nach Jahren des Dornröschenschlafs wiederbelebt wurde. Dort wird inzwischen Wein angebaut, den die Gäste am Ende der Veranstaltung noch verkosten durften.
Literatur war an diesem Nachmittag vielleicht nicht immer das Hauptthema. Stoff für gute Geschichten gab es dennoch reichlich.