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Boomerang – Zurück auf Los

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18. Kapitel

Conni

Es regnet in Strömen. Reglos und mit gebeugten Köpfen stehen die wenigen Trauergäste unter ihren Regenschirmen und hören der Trauerrednerin zu. In etwa sagt sie das, was Conni ihr einige Tage vorher an die Hand gegeben hat: Dass Karsten ein liebevoller Ehemann und Vater war, immer fleißig, immer um die Familie bemüht. Und dass die letzten Jahre der Krankheit ihn zwar gebeugt, aber nie gebrochen haben.

Als die Rednerin fertig ist, wirft Conni ein paar Blütenblätter auf den Urnendeckel und fragt sich, ob auf jeder Beerdigung so viel gelogen wird. Wahrscheinlich schon. Er war ein mürrischer alter Mann oder: Sie hat sich leider totgesoffen würde niemand sagen. Egal, was vorher war: Am Grab bleibt die Würde des Menschen unantastbar.

Sie schaut nach oben. So sehnsüchtig der Regen erwartet wurde, so falsch kommt er ihr jetzt vor. Innerhalb kürzester Zeit hat er den Boden in eine morastige Matschlandschaft verwandelt. Sie spürt schon, wie die Feuchtigkeit in ihre schwarzen Schuhe dringt.

Außer Leni bleibt niemand lange vor Karstens Urne stehen. Mehr als die Hälfte der Trauergemeinschaft ist schon eilig auf dem Weg ins Bürgerhaus, wo Kaffee und Kuchen bereitstehen.

„Kannst du bitte vorgehen und dich um die Gäste kümmern?“, bittet Conni ihre ältere Tochter und stellt sich neben Leni. „Wir kommen gleich nach.“

Tränen laufen über Lenis Gesicht, ihr Mund zuckt, als hätte er ein Eigenleben und Connis Herz schnürt sich vor Mutterliebe zusammen. Egal, welche Fehler Karsten als Vater gemacht hat, Leni leidet unter seinem Tod und das tut auch ihr in der Seele weh. Sie legt einen Arm um Lenis Schulter und drückt sie fest an sich.

„Ach, Mami. Ich hätte mich so gerne verabschiedet, aber als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, … wir haben nur kurz geredet, ich weiß nicht mal mehr worüber.“

„Hör auf“, sagt Conni. „Mach es dir doch nicht noch schwerer.“

„Wenn ich es gewusst hätte …“

„Das konntest du nicht. Das konnte niemand.“

„Meinst du, er hat sehr gelitten?“

„Nein. Er hat ganz friedlich ausgesehen, als würde er schlafen.“

„Und glaubst du …“ Leni sieht sie mit tränenverschmiertem Gesicht an. „Glaubst du, er hat mich trotzdem liebgehabt?“ Sie klingt wie ein Kind.

„Leni! Natürlich! Das glaube ich nicht nur, das weiß ich sogar.“

„Woher? Hat er es dir gesagt?“

„Ach Kind, du hast ihn doch gekannt. Dein Vater war niemand, der so etwas gesagt hätte. Ich habe es gespürt.“

„Woran denn?“

„An der Art, wie er dich manchmal angesehen hat. Daran, wie er von dir gesprochen hat. Er hat dich sehr liebgehabt. Euch beide.“

„Aber er wollte mich nicht.“

„Leni! Wie kommst du denn auf so etwas?“

„Ich hab‘s gehört. Vor dem Unfall damals, bei dem Streit. Ich bin nur da, weil du nicht aufgepasst hast.“

Conni wird blass. Leni hat recht, jetzt fällt es ihr wieder ein. Wie konnte sie das nur vergessen? Genauso wie sie in den ersten Jahren noch alles versucht hatten, damit Conni wieder schwanger wurde, haben sie sich später bewusst dagegen entschieden. Sie drückt Leni noch fester an sich. „Ach Mäuschen, manchmal sagt man im Zorn Dinge, die man nicht so meint. So etwas passiert. Aber er wollte mir damit weh tun, nicht dir.“

„Warum wollte er dir denn weh tun.“

Über diese Frage muss Conni erst nachdenken. „Ich weiß es nicht genau“, sagt sie schließlich. „Aber einiges in Papas Leben ist nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat. Ich glaube, er war unglücklich, weil er mit sich selbst unzufrieden war, und das hat ihn manchmal ungerecht gemacht.“

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