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Boomerang – Zurück auf Los

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11. Kapitel

Conni

Nach dem Mittagessen ruft Conni ihre Tochter an. Leni meldet sich sofort, als hätte sie auf einen Anruf gewartet.

„Hallo?“

„Hallo, mein Schatz.“ Conni schluckt, muss plötzlich aufpassen, dass sie nicht anfängt zu weinen.

„Mama? Ist alles in Ordnung?“

„Jaja, alles gut.“

„Du klingst komisch.“

„Ich wollte nur mal hören, wie’s dir geht.“

„Gut.“

„Und Emil?“

„Auch.“

„Was machst du gerade?“

„Ich wollte eigentlich gerade mal nichts machen und einfach meine Ruhe haben.“

„Oh, tut mir leid. Wir können auch später …“

„Nein, dich meine ich nicht, ich meine Emil. Er zahnt und ist die ganze Zeit am Nörgeln. Gerade ist er eingeschlafen. Till ist Tennisspielen. Ich hoffe nur, dass er heute ausnahmsweise gleich nach dem Spiel nach Hause kommt und auch mal Rücksicht auf mich nimmt.“

„Draußen ist so schönes Wetter, geh doch nachher mit Emil auf den Spielplatz oder …“

„Wir waren schon spazieren.“ Lenis Stimme bekommt schon wieder diesen gereizten Klang.

„Ach so.“

„Tut mir leid, Mami. Du erwischst mich gerade auf dem falschen Fuß. Können wir das Gespräch vielleicht doch verschieben?“

„Ja. Natürlich.“

„Melde dich einfach später nochmal, okay?“

„Klar.“

Lenis Beschwerden über ihren Partner sind nicht neu, aber sie werden immer lauter. Und nicht zum ersten Mal fragt Conni sich, ob der Grund dafür die Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Rolle ist, dem Leben, das sie führt, oder ob es noch etwas anderes gibt, wovon Conni nichts weiß. Jemand anderen vielleicht.

Till und Leni haben sich während Lenis Studium kennengelernt und in den damals vierundzwanzigjährigen Augen ihrer Tochter war Till eine Mischung aus Brad Pitt und Robert Redford in jung. Er war nicht der erste, aber der einzige, den sie sofort in die Familie eingeführt hat. Inzwischen ist die Euphorie verflogen.

Conni glaubt nicht, dass es an Till liegt. Leni weiß einfach nicht, was sie will. Ob sie weiter studieren soll oder arbeiten. Oder einfach zu Hause beim Kind sein. Sie ist mit sich selbst unzufrieden und diese Unzufriedenheit projektziert sie auf Till. Dabei ist der wirklich ein Segen für die kleine Familie. Fleißig, loyal und liebevoll. Er macht ihr keinerlei Druck. Ihr sorgloses Leben, hat sie letztlich doch auch ihm zu verdanken.

Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die ihr Medizinstudium fast im Schnelldurchlauf absolviert hat, gab es bei Leni von Anfang an nichts als Zweifel. Sie hat lange überlegt und sich schließlich für Psychologie und Pädagogik eingeschrieben. Doch schon nach einem Semester wollte sie das Studium wieder aufgeben und hat daran gedacht, sich zur Ernährungsberaterin ausbilden zu lassen. Dann wieder wollte sie kellnern und Geld verdienen. Sie hat eine Zeit lang nichts gemacht, und sich dann, auch auf Karstens Druck, für ein Lehramtstudium entschieden. Dabei hat sie Till kennengelernt und von da war es nur ein kurzer Weg zur Schwangerschaft. Mit Absicht? Sie sagt, es sei nicht geplant gewesen.

Jetzt ist Emil eineinhalb und natürlich ist das ein anstrengendes Alter. Aber so ein Kind ist doch auch ein Segen. Conni erinnert sich sehr gerne an ihre eigene Zeit als junge Mutter. Wie sehr sie es genossen hat, ihre kleinen Töchter zu umsorgen. Und wie mühelos und sperrangelweit diese kleinen Wesen ihr verkrampftes Herz geöffnet haben. Auch bei Leni war das so, obwohl die späte Schwangerschaft natürlich zuerst ein Schock für sie gewesen ist.

Müde schließt Conni die Augen und denkt sich ein paar kluge Sätze für Leni aus. Für das Telefonat später. Zuerst etwas Wohlwollendes. Sie könnte ihr sagen, wie gut sie mit Emil umgeht und wie schön die Wohnung geworden ist, die sie mit wenig finanziellem Spielraum eingerichtet hat. Dann vielleicht eins, zwei vorsichtige Fragen zu ihren Plänen, Emil hat nach den Sommerferien einen Platz in der Krippe. Sie spielt das Gespräch im Kopf durch, aber weiter als bis zu der Frage wegen der Pläne kommt sie nicht.

Karsten rollt herein. „Was machst du?“

„Nichts. Ich habe mit Leni telefoniert.“

„Gibt’s was Neues?“

„Der Kleine zahnt.“

Er nimmt eine Tasse aus dem Unterschrank und zeigt zur Kaffeemaschine „Magst du auch einen?“

Sie nickt.

„War der Hund schon draußen?“

„Noch nicht.“

Früher sind sie sonntags manchmal zusammen mit Charlie gegangen. Aber ein Sturz im vorletzten Frühjahr hat Karsten zuerst wochenlang ans Bett und danach dauerhaft an den Rollstuhl gefesselt. Seine Unbeweglichkeit und die Tatsache, dass er immer mehr auf Hilfe angewiesen ist, machen ihn oft zornig. Jede Begegnung birgt Risiken, jedes Gespräch ist ein Minenfeld.

Manchmal denkt Conni, wenn er seine Situation akzeptieren würde. Wenn er kämpfen würde, statt zu resignieren, dann könnte sie es auch. Aber die Morbosität die ihn umgibt, ist wie eine dunkle Wolke, die sich nicht durchdringen lässt.

Sie steht auf und holt Milch aus dem Kühlschrank. Als sie ihm den Beutel reicht, lächelt er ein selten gewordenes Lächeln. „Danke übrigens für die Krimis.“

„Gern geschehen. Hast du schon angefangen zu lesen?“

„Ja. Mit dem Fontzek bin ich fast durch.“

„Gut?“

„Ganz okay.“

Er lächelt immer noch. Conni freut sich, aber es fühlt sich auch merkwürdig an. Sitzt sie wirklich mit Karsten hier am Tisch und sie reden wie ein ganz normales Ehepaar?

Als sie wenig später die leeren Tassen nimmt, um sie in die Spülmaschine zu räumen, hält er sie fest und schlingt seine Arme um ihre Taille. „Es tut mir leid. Ich weiß, du hast es nicht leicht mit mir.“

„Karsten“, sagt sie seltsam berührt. In ihrer Brust schlagen jetzt zwei Herzen. Das eine ist weich und nachgiebig, das andere voller Skepsis. „Ist alles okay?“

Er lässt sie los. „Ja. Ich wollte dir das nur mal sagen.“

Sie steht auf und ruft nach Charlie. In der Tür dreht sie sich noch einmal um.

„Brauchst du noch was?“

„Nein“, sagt er. „Ich habe alles, was ich brauche.“

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