8. Kapitel
Conni
Die Stadt empfängt Conni mit den üblichen Bildern und Geräuschen. Das dumpfe Brummen vom Müllwagen, das Kippen der Tonnen, das Scheppern von Glas, als würde jemand noch schnell den letzten Abend zusammenfegen. In ihren Ohren klingt es wie ein orchestrales Chaos, das sich erst einmal langsam sortieren muss.
Damals, als sich die Frage stellte, ob sie in die Stadt ziehen oder in ihrem Heimatdorf bleiben sollten, haben ihre Eltern ihnen die Entscheidung abgenommen und Conni ein Grundstück geschenkt. Und als Karsten immer noch nicht so richtig zog, sind sie ihnen beim Hausbau auch noch finanziell kräftig entgegengekommen. Dafür haben sie die Einliegerwohnung im Souterrain erhalten. Für Conni war es eine Win-Win-Situation. Sogar mehr als das. Juliane war damals noch klein, deshalb fand sie es sehr praktisch, Großeltern im Haus zu haben. Besonders als sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin machte und dann auch noch Leni geboren wurde.
Manchmal denkt sie darüber nach, was geworden wäre, hätte Karsten sich damals durchgesetzt. Sie hatten sich eine Wohnung angeschaut, eine schöne Altbauwohnung mit hohen Decken und großen Flügelfenstern. Die hatte ihnen beiden gefallen. Aber dort würden sie jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr wohnen können. Sie erinnert sich an eine steile Treppe und an enge Türen. Wie lange ist das her, denkt Conni und lenkt den Wagen auf den Parkplatz. Dreißig Jahre? Eher fünfunddreißig.
Auch kurz vor Feierabend stapeln sich noch ein paar Akten auf Connis Arbeitsplatz. Jede Akte ein Fall, jeder Fall eine Geschichte. Sie öffnet eine Datei und sieht Rosa Mayen zum Ausgang laufen. Schnell wedelt sie mit dem bereits eingetüteten Kostenvoranschlag.
„Frau Mayen, warten Sie, ich habe hier noch etwas für Sie.“
Sie kennt die schlechte Botschaft, gibt aber das Kuvert ab, ohne dabei ihr freundliches Lächeln zu verlieren. Bei Frau Mayen fällt es ihr leicht. Sie ist eine der wenigen Angehörigen, die ihren Vater regelmäßig besucht. Mindestens zweimal die Woche, jahraus, jahrein, winters wie sommers. Das ist viel mehr, als sich von den meisten sagen lässt. Viele verirren sich höchstens an Geburtstagen hierher, oder vielleicht noch vor Weihnachten. Conni schüttelt innerlich den Kopf. So etwas wäre ihr nie eingefallen: Die Menschen, die ihr das Leben geschenkt und sie in ihrer Kindheit behütet haben, am Ende so im Stich zu lassen. Andererseits ist es vielleicht auch nicht richtig, Leute zu verurteilen, deren Lebensumstände sie nicht kennt. Vielleicht gibt es gute Gründe. Wie bei der alten Dame von Zimmer 419, die gerade in die Halle kommt. Frau Großmann. Wie man sagt, war sie mal eine bekannte Sängerin. Ihr Sohn hat sie letzte Woche hier abgegeben wie eine überflüssig gewordene Zimmerpflanze. Seine Schwester sei die nächsten Wochen in Reha, hat er gesagt, und ihm fehle die Zeit. Die Zeit wofür, fragt Conni sich. Sich jeden Tag eine halbe Stunde mit der eigenen Mutter zu beschäftigen? Oder ihr eine bezahlte Hilfe ins Haus kommen zu lassen, was nach seinem teuren Auto zu urteilen, wahrscheinlich kein Problem sein dürfte. Oder …
Mein Gott, hör auf damit!
Conni ist von sich selbst genervt. Warum kann sie nicht einfach mal abschalten, wenigstens für ein paar Stunden. Und warum geht ihr jedes Schicksal unter die Haut. Früher sogar noch mehr als heute, als sie die alten Menschen noch persönlich vom Anfang bis zum Ende begleitet hat, mit Nähe und mit Handgriffen, die sie so oft wiederholt hat, bis sie ihr ins Muskelgedächtnis übergegangen sind. Sie hat es gerne gemacht, aber irgendwann ging es nicht mehr und sie musste die harte, körperliche Arbeit gegen den Platz am Empfang eintauschen. Betten gegen Formulare, das Anpacken gegen das Verwalten.
Aus dem Augenwinkel sieht Conni den Sohn von Frau Lohner, Zimmer 310. Zielstrebige Schritte, misstrauischer Blick. Noch ein Brief. Den muss sie allerdings erst noch ausdrucken. Sie öffnet die Datei und … der PC stürzt ab. Das zweite Mal für diesen Vormittag. Conni seufzt. Hier sind auch die Geräte alt, nicht nur die Menschen.
„Ich soll was für meine Mutter unterschreiben“, meldet Herr Lohner sich.
„Ja, einen Moment noch“, lächelt Conni und fährt den PC wieder hoch. Sie loggt sich ins System ein und wartet. Die Technik ist träge, aber auch das ist sie gewohnt.
„Nein, Frau Landauer, so geht das nicht. Ich hab schon wieder kein Klopapier!“, schimpft eine alte Dame, die inzwischen auch am Tresen gelandet ist.
„Ich kümmere mich gleich darum, Frau Großmann“, sagt Conni sachlich.
„Und richtig sauber ist das Zimmer auch nicht. Sie können sich das gern einmal anschauen.“
Conni nickt. Hinter sich hört sie Stimmengewirr, eine zufallende Tür, das Surren des Druckers. Sie nimmt die Geräusche wahr, blendet sie aus, konzentriert sich erst einmal auf den Mann vor ihr, dem sie die geänderte Kostenaufstellung endlich aushändigen kann.
„Haben Sie noch Fragen?“
„Also, ihr nehmt’s ja wirklich von den Toten“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Jetzt hoffe ich nur, dass die Leistung auch hält, was der Preis verspricht.“
Conni verzieht keine Miene. Sie kennt diesen Tonfall. Diese Mischung aus Frust, schlechtem Gewissen und der unausgesprochenen Hoffnung, dass sich jemand um all das kümmern möge, wofür man selbst nicht die Fähigkeiten, die Zeit oder schlicht die Lust hat. Früher ist sie auf alles eingegangen, hat die Preise erklärt, den Aufwand, der dahintersteht. Doch das ist vorbei. Seit sie selbst keine Pflege mehr macht, hat sie aufgehört, die Dinge zu erklären. Stattdessen nickt sie nur. „Falls Sie später noch Fragen haben, melden Sie sich gerne.“
Er gibt ihr die unterschriebenen Papiere zurück, murmelt etwas, das wie ein halbherziges „Danke“ klingt. Frau Großmann steht noch immer an ihrem Platz, den Blick erwartungsvoll auf Conni gerichtet. Klopapier. Stimmt. Sie rollt den Stuhl zurück, geht zum Lagerraum und zieht eine Packung aus dem Regal. Auf dem Rückweg überlegt sie, ob sie sich das Zimmer vielleicht tatsächlich einmal ansehen soll. Aber was würde das ändern? Sie könnte Frau Klose von der Reinigungsfirma Bescheid geben, die würde aber nur mit den Schultern zucken und sagen: „Wir tun, was wir können“, und damit wäre die Sache erledigt.
Ein Pärchen betritt die Eingangshalle. Sie klein, dunkles langes Haar, Löcher in den Jeans und eine bunte Bluse. Er groß, breite Schultern, ebenfalls lange Haare und Nickelbrille. Beide schätzt Conni auf etwa Anfang bis Mitte dreißig. Sie kennt die beiden nicht, es muss also einen Neuzugang gegeben haben, den die Kollegin abgewickelt hat. Aber etwas an diesem Mann kommt ihr merkwürdig vertraut vor. Wie er geht, wie er den Kopf neigt. Das Gefühl lässt sie nicht los. Sie sucht in ihrem Gedächtnis nach einem Namen, aber da ist nur dieses vage Ziehen.
„Das Klopapier, bitte.“
Conni reißt sich los und reicht der alten Dame die Packung. „Hier“, sagt sie freundlich. „Das reicht wohl für die nächsten Tage. Wenn ich noch etwas für Sie tun kann …“
„Danke, mein Kind, sehr lieb.“ Ein Lächeln und in der Stimme ein Hauch von Erleichterung.
Conni freut sich darüber. Es erinnert sie wieder daran, warum sie sich damals für diesen Beruf entschieden hat. So einfach ist das, denkt sie. Ein paar nette Worte und das Lächeln einer alten, dankbaren Frau. Manchmal braucht es gar nichts sonst.
Das Pärchen steht jetzt vor einem Aushang. An wen erinnert der Mann sie bloß? Das Gefühl, ihn zu kennen, ist so intensiv, dass sie den Blick nicht abwenden kann.
„Hier. Ist unterschrieben“, meldet sich eine Stimme neben ihrem Ohr.
„Oh, Frau Mayen. Das ging ja schnell“, sagt sie abgelenkt. „Danke.“
„Kann … kann ich Sie noch etwas fragen?“
„Was? Äh, ja, selbstverständlich.“ Sie verdrängt die Gedanken an den Mann und wird wieder professionell. „Was kann ich für Sie tun?“