9. Kapitel
Conni
Am Abend ist Duschen angesagt. Conni hilft Karsten beim Ausziehen, setzt ihn auf den Duschhocker, seift ihn ein, wäscht seine Haare. Ein oft wiederholtes Ritual. Dabei betrachtet sie seinen hageren, schlaff gewordenen Körper. Wie wenig noch von ihm übrig ist. Und wie fremd er sich anfühlt. Jede Berührung, jedes Zupacken, fällt Conni von Mal zu Mal schwerer. Es liegt nicht an der Pflege, die macht ihr nichts aus. Es liegt an Karsten. Heute ist sie außerdem auch gar nicht so recht bei der Sache. Das Rätsel um den Fremden, der Conni so bekannt vorkam, klingt immer noch in ihr nach.
„Aua, nicht so fest!“
„Entschuldigung.“ Sie reißt sich zusammen. Spült Seife und Shampoo ab, legt ihm ein Handtuch um die Schulter – und plötzlich weiß sie es: Fred. Der junge Mann im Heim heute hat ausgesehen wie Fred. Sein Blick, seine Art zu gehen, das Neigen seines Kopfes. Aber es war nicht Fred. Der muss inzwischen doch schon, sie rechnet nach: Achtundsechzig sein. Mein Gott. Das kann Conni sich gar nicht vorstellen, sie sieht ihn immer noch als den jungen Mann, den sie gekannt hat.
Fred.
Mit ihm hat sie damals auch geduscht. Vor mehr als vierzig Jahren.
„Hallo? Mir wird langsam kalt“, beschwert sich der Körper neben ihr.
„Oh. Entschuldige.“
Sie versucht nicht mehr an Fred zu denken und rubbelt den Körper trocken, der ihr geblieben ist. Zieht ihm zuerst das Unterhemd, danach ein T-Shirt über den Kopf. Anschließend muss er aufstehen und sich an der Halterung festhalten, damit sie ihm Unterhose und Hose überstreifen kann. Er steht unsicher, sie hat Angst, dass er hinfällt, aber es geht gut. Sie führt ihn zum Rollstuhl.
Was Fred wohl macht?
Plötzlich sieht sie ihn so deutlich vor sich, als wäre es erst gestern gewesen. Eine Demonstration für Frieden und er mitten drin. Mit seinen wuscheligen Haaren, der schmalen geraden Nase, den grauen Augen. Wie er die blaue Fahne mit der Friedenstaube schwenkte und dabei: Ami, go home! gerufen hat. Das hat ihr imponiert. Dabei hatte sie gar keine Ahnung von Politik. Sie war nur wegen ihm dabei.
Alle wollten Frieden, sie wollte Fred.
Conni seufzt leise. Die Zeit mit ihm erscheint ihr heute wie ein flüchtiger, viel zu kurzer Traum. Und doch, was wäre gewesen, wenn sie damals auf ihre innere Stimme gehört hätte und nicht auf die von Biggi? Komm, nur eine kleine Spritztour. Was wäre dann gewesen? Wären sie zusammengeblieben und hätten irgendwann geheiratet? Und wären Juliane und Leni dann Freds Töchter und nicht die von Karsten?
Ihre Eltern waren allerdings ziemlich froh, als die Sache vorbei war. Sie mochten Fred nicht. Kein Abitur, keine glänzenden Aussichten. Der ist doch nichts für dich. Nichts fürs Leben.
Warum nicht?
Sie hat selbst kein Abitur, hat die Schule kurz vor dem Ziel abgebrochen und später die Pflege-Ausbildung gemacht.
Karsten dagegen hat Abitur. Und er hat schon bald angefangen, in der Versicherungsagentur ihres Vaters zu arbeiten, die er später auch übernahm. Er und ihr Vater waren sich vom ersten Augenblick an sympathisch, sie haben die gleichen Werte geteilt. Ihr Vater hat den Krieg als Kind erlebt, dann die Zeit des Wirtschaftswunders. Das hat ihn geprägt. Und Karsten hat eine schwierige Kindheit gehabt. Eine schwache Mutter, ein herrischer Vater. Aber in seiner Familie hatte es noch klare Hierarchien gegeben, man hatte Respekt vor Älteren und vor Autoritäten. Das hat Connis Eltern gefallen.
Fred war genau das Gegenteil. Einer, der die Welt verändern wollte und dafür auf die Straße ging. Einer, der viel zu lange Haare hatte, und der Sprüche raushaute wie: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.
Conni war hingerissen, ihre Eltern entsetzt.
Und trotzdem. Seitdem fragt sie sich: Wie hätte ihr Leben wohl an seiner Seite ausgesehen? Wäre sie mit ihm glücklich geworden? Glücklicher? Oder hätte die Liebe sie genauso verlassen wie es ihr bei Karsten passiert ist. Hätten sie irgendwann auch nur noch über Kartoffeln geredet und nicht mehr über ihre Gefühle?
Sie hat Fred nie wieder gesehen, aber von einer Freundin irgendwann erfahren, dass er die Gegend verlassen und geheiratet hat. Sie weiß noch, wie sehr es sie getroffen hat, zu hören, dass er sein Leben einfach ohne sie weiterlebte. So, als hätte es sie nie gegeben. Warum eigentlich? Sie hat doch genau das Gleiche getan.
„Conny? Hallo? Bist du noch da?“ Karsten packt sie am Arm. „Ich bin es jedenfalls und ich würde gerne das Bad heute noch verlassen. So gemütlich ist das hier nämlich nicht.“
„Entschuldigung.“ Sie beißt sich auf die Lippe. Sie muss aufhören Karsten nur noch als Pflegefall zu sehen, er ist ihr Mann. Und sie muss die Vergangenheit endlich loslassen. Das hat auch die Therapeutin damals gesagt, als sie nach der Fehlgeburt nicht aufhören konnte zu trauern:
Ein großer Teil Ihrer Entscheidungen wird unfrei bleiben, wenn Sie sie immer wieder in Bezug zu Ihrer Vergangenheit setzen.
Ich freue mich auf die weiteren Folgen 🌷😊
Hallo, Stefanie, das ist schön, nächstes Kapitel kommt in Kürze 🙂 Bleib dran!
Liebe Grüße
Barbara Kunrath