7. Kapitel
Conni
Am nächsten Morgen wird Conni schon sehr früh wach. Es ist noch nicht einmal halb sechs. Barfuß tappt sie über den Flur in Karstens Zimmer. Das Morgenlicht fällt blass durch die Vorhänge und zeichnet helle Streifen auf seine Decke. Auch Karsten ist schon wach. Er hat Schmerzen. Sie sieht es an seinen dunklen, verhangenen Augen und dem verkniffenen Mund.
„Guten Morgen.“
„Hmm“, brummt er.
„Hast du gut geschlafen?“
„Nein.“
„Komm, ich helfe dir.“
Er hatte offenbar nicht geschafft, sich zu drehen und das stundenlange Liegen auf dem Rücken hat ihn mürbe gemacht.
„Warum hast du denn nicht geklingelt?“
„Reicht doch, wenn ich nicht schlafen kann.“
Mit einem Seufzen setzt Conni sich auf die Bettkante und legt eine Hand auf seinen Arm. Er tut ihr leid, natürlich tut er ihr leid. Und sie gibt sich auch alle Mühe, aber es wäre so viel leichter, wenn er ein bisschen freundlicher wäre.
„Musst du aufs Klo?“
Er nickt.
„Jetzt gleich?“
Ein neues Nicken, vorsichtiger jetzt, als würde selbst diese winzige Geste ihn zu viel Kraft kosten.
„Okay,“ Sie schiebt einen Arm unter seine Schultern und hebt ihn hoch. Obwohl er im letzten Jahr stark abgenommen hat, ist sein Körper schwer. Seine Beine zittern, er findet kaum Halt. Sie stützt ihn, bis er sicher steht und führt ihn vorsichtig zur Toilette. Danach wäscht sie ihm Hände und Gesicht. Dabei tupft sie seine Haut so vorsichtig ab, als wäre sie aus Glas. Am Ende greift sie nach dem Kamm und kämmt ihm die Haare aus der Stirn. Karsten sagt nichts. Seine Augen ruhen auf einem Punkt irgendwo vor ihm, weit weg.
Auch beim Anziehen ist er schweigsam. Jeder Knopf, jede Falte ein unüberwindbares Hindernis. Seine Hände versuchen kurz mitzuhelfen, doch das Zittern macht die Bewegungen zu ungenau.
Als er endlich im Rollstuhl sitzt, gewaschen und gekleidet, greift Conni aus einem Impuls nach seinen zitternden Händen und hält sie einen Moment fest. Seine Finger zucken heftig, als wollte er sie wegziehen, doch dann nickt er langsam und sieht sie an.
„Na, dann wollen wir mal“, sagt Conni fröhlicher, als sie sich fühlt.
Später, beim Frühstück, denkt sie an die Zeit, als Juliane und Leni noch kleine, ständig plappernde Kinder waren. Jetzt halt doch mal fünf Minuten die Klappe, hat Karsten oft gesagt, wenn es ihm zu viel wurde. Jetzt sitzt er stumm vor seinem Teller und kaut, als wäre essen eine Strafe für schlechtes Benehmen. Als sie ihm das Brot in Teile schneidet, wirft er ihr einen bösen Blick zu und verschränkt die Arme.
Mit einem lauten Scheppern schiebt Conni den Stuhl nach hinten und steht auf. Klappernd räumt sie das Geschirr in die Spülmaschine.
„Entschuldige“, murmelt er.
„Schon gut.“ Sie atmet tief durch und dreht sich zu ihm um. „Ich gehe nach der Arbeit noch einkaufen und bring dir auch deine Tabletten mit. Und ein paar Krimis aus der Bibliothek. Brauchst du sonst noch was?“
„Ja. Einen Strick.“
„Wofür denn?“, fragt Conni. „Alleine kannst du dich nicht aufhängen und ich helfe dir bestimmt nicht dabei.“
Jetzt grinst er. Und dann lachen sie beide. Ein erlösendes Lachen, dass den harten Klumpen aufweicht, der ihr auf der Brust sitzt. Sie hört erst auf, als ihr die Tränen kommen.