6. Kapitel
Conni
In der Küche füllt Conni mechanisch einen Topf mit Wasser und schält in Windeseile ein paar Kartoffeln. Der Salat ist schon gewaschen, das Gulasch gekocht. Ein Blick auf die Uhr. Viertel vor eins. In einer Viertelstunde ist Mittagszeit, dann wird Karsten kommen, sich mit seinem Rollstuhl zum Tisch bewegen und fragen, warum die Kartoffeln noch nicht fertig sind. „Was ist so schwer daran, Kartoffeln so zu kochen, dass wir um eins essen können?“
Ja, was wohl, denkt Conni und deckt den Tisch.
Die Küchentür wird aufgestoßen. Karsten rollt herein und verdreht die Augen. „Ist das Essen immer noch nicht fertig?“
„In fünf Minuten.“
„Warum kannst du die Kartoffeln nicht so kochen, dass sie pünktlich fertig sind? Was ist so schwer daran?“
„Nichts, wenn du die Kartoffeln vorher schon geschält hättest.“ Sie schiebt ihm die Salatschüssel hin. „Kannst du den bitte mischen?“
„Hm“, murmelt er. „Tut mir leid, ich hatte eine Scheißnacht.“
Conni gießt sich ein Glas Wasser ein und ignoriert die Kopfschmerzen. „Entschuldige“, sagt sie. „Ich auch.“
Nach dem Essen räumt Conni auf und bringt Karsten in sein Zimmer. Sie hilft ihm aus dem Rollstuhl ins Bett.
„Brauchst du noch was?“
„Nein.“
„Okay, dann geh ich eben eine Runde mit dem Hund.“
„Warst du doch schon.“
„Nein. Ich war nur an der Laterne. Ich nehme das Handy mit, falls…“
„Bitte, Constanze!“
Constanze nennt er sie immer, wenn er sich über sie erheben will. „Was?“
„Behandle mich nicht wie ein Kleinkind.“
„Ich hab’s nur gut gemeint“, murmelt sie gereizt und flüchtet in den Flur. Sie schlüpft in ihre ausgebeulte Jogginghose, zieht ein weites T-Shirt an, pfeift nach Charlie und schlägt wütend die Haustür hinter sich zu.
Ob Karsten mit Pia wohl genauso umspringt. Die Rumänin hat sich zumindest noch nie beklagt. Wahrscheinlich ist sie so etwas gewohnt. Dabei können sie heilfroh sein, dass sie Pia haben. Conni wüsste gar nicht, was sie ohne sie täten. Ihr Alter lässt sich nur schwer einschätzen, sie ist der Typ Frau, der schon mit vierzig so aussieht wie mit sechzig, aber sie kann zupacken und – was noch wichtiger ist: Sie lässt sich von Karsten nicht einschüchtern. Davor gab es Sophia, eine junge süße Polin. Sophia hat schon nach zwei Wochen aufgegeben. Sie war Karstens Sarkasmus nicht gewachsen. Und er nicht ihrer jugendlichen Schönheit.
Conni läuft bergan Richtung Feld. Sie wohnen in einem kleinen Dorf, direkt am Ortsrand. Das ist praktisch, wenn man einen Hund hat. Eher unpraktisch allerdings, wenn man zum Arzt muss oder zum Einkaufen. Ohne Auto geht hier nichts. Aber Conni ist schon hier geboren, sie kennt es nicht anders.
Oben angekommen, bläst ihr ein warmer Wind ins Gesicht. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Sie biegt rechts ab und zerrt Charlie von etwas weg, das nicht gut aussieht und auch nicht gut riecht. Erst an der großen Pferdekoppel lässt sie die Leine wieder locker. Die Tiere grasen friedlich nur wenige Meter entfernt und Conni genießt den vertrauten Augenblick. Wie oft hat sie hier schon gestanden. Und wie schnell ist doch so ein Leben gelebt. Sie ist jetzt 64, heute in einem Jahr wird sie schon Rentnerin sein. Sie weiß nicht, ob sie sich darauf freuen soll. Den ganzen Tag zu Hause. Mit Karsten. Und ohne Pia. Deren Arbeit wird Conni dann übernehmen
Sie denkt an ihre Eltern. Die hat Conni auch zu Hause gepflegt, aber da war sie noch zwanzig Jahre jünger. Und ihre Eltern haben es ihr leicht gemacht. Sie waren so dankbar. Und es ging auch ganz schnell. Zuerst ist ihre Mutter an Krebs, dann ihr Vater an zwei kurz hintereinander folgenden Schlaganfällen gestorben.
Karsten macht ihr nichts leicht. Und wenn sie Pech hat, wird er noch Jahre mit der Krankheit leben. Oh Gott. Conni schlägt sich erschrocken eine Hand vor den Mund. Was sind das für grässliche Gedanken. Sie ist undankbar. Bei genauer Betrachtung und bei Außerachtlassen ihrer prekären finanziellen Lage, ihren schwindenden Kräften, Karstens Krankheit und der allgemein unsicheren Weltlage, gibt es doch eigentlich nur wenig Grund zur Klage. Ihren beiden Mädchen geht es gut, ihrem Enkel auch. Sie selbst ist gesund, sie haben ein sicheres Dach über dem Kopf und genug zu essen. Und Karsten ist zwar krank, aber im Kopf ist er noch ganz bei sich. Das macht vieles leichter.
Sie pfeift nach Charlie und geht zurück Richtung Haus. Vielleicht ist es nur eine Frage der Perspektive. Und vielleicht ist das Ausbleiben von weiterem Unglück ja auch schon so etwas wie Glück.