3. Kapitel
Rosa
Im Aufzug riecht es nach Urin. Das ist nicht ungewöhnlich, aber in dieser Penetranz doch neu.
„Riechen Sie das auch?“, fragte die alte Dame, die mit ihr nach oben fährt.
Rosa nickt abgelenkt. In Gedanken ist sie schon bei ihrem Vater. Man weiß nie, was einen erwartet.
„Ekelhaft. Hier bleib ich nicht.“ Die Frau reibt sich die dünnen Arme. „Wohnen Sie auch hier?“
Ob er sie heute erkennt?
„Hallo, junge Frau, ich rede mit Ihnen.“
Rosa blinzelt verwirrt. „Bitte? Entschuldigung?“
„Ob Sie auch hierherin wohnen?“
„Äh, nein.“
„Ich bin seit zwei Wochen da. Aber ich bleib auf keinen Fall. Nur so lange wie meine Tochter ausfällt. Beinbruch, da kann man nix machen. Besuchen Sie wen?“
„Meinen Vater.“
„Wer ist denn Ihr Vater?“
„Heinz Mayen.“
„Ach so? Das ist doch der nette, gutaussehende Mann, der immer so höflich ist. Zimmer 413, oder?“
„Hmm“, murmelt Rosa. Falls man ihren hageren Vater als gutaussehend und seine ständigen Forderungen, nach Aufmerksamkeit als höflich bezeichnen kann, mag es vielleicht stimmen.
„Hier gibt es nicht einmal ein Klavier“, schimpft die alte Dame weiter. Das ist allerdings allerhand. Wider Willen muss Rosa jetzt doch grinsen. Irgendwie fängt die Frau an, ihr zu gefallen. Sie verströmt den typischen Geruch einer alten Frau, wirkt aber für ihr Alter noch erstaunlich aufrecht und vital. Groß, sehr schlank und immer noch auf eine Weise attraktiv, die Rosa als ungewöhnlich empfindet. Die kurzen weißen Haare, betonen das fein geschnittene, gebräunte Gesicht, und der Hals ist zwar faltig, aber lang und schmal. Rosa schätzt sie auf Mitte achtzig. Auch der Kleidungsstil hat es in sich. Zu den Birkenstocks trägt sie dicke Wollsocken, dazu eine schwarze lange Strickjacke, die lose über einem blumigen Sommerkleid hängt. Eine Mischung, die aus einer Kleiderkammer stammen könnte, aber genauso gut auch aus einem teuren Bekleidungshaus. Es gibt exzentrische Menschen, die für so ein karnevalistisches Outfit viel Geld ausgeben.
Der Fahrstuhl hält mit einem sanften Ruck, die Türen öffnen sich und die Dame quetscht sich an Rosa vorbei.
„Ich bin übrigens Sängerin“, verkündet sie mit der Grandezza einer Frau, die in ihrem Leben schon viel Applaus bekommen hat. „Was soll ich denn in einem Haus ohne Klavier? Können Sie mir das sagen?“
Rosa zieht die Augenbrauen hoch. Sie ist nicht sicher, ob hier gerade eine rhetorische Frage im Raum steht oder eine, die wirklich beantwortet werden will.
„Reden Sie doch mal mit der Heimleitung. Vielleicht lässt sich ja was machen“, schlägt sie vor.
Die Frau winkt ab. „Ach“, seufzt sie. Ein tiefes, leidgeprüft klingendes Ach. „Das nutzt doch nichts.“
Na dann. Rosa wendet sich wieder der Aufzugstür zu, die gerade im Begriff ist, sich wieder zu schließen.
„Ich heiße übrigens Annamaria, aber sagen Sie einfach Anni zu mir.“ Bei diesen Worten zeigt das Kinn der alten Dame auf die Tür, schräg gegenüber. „Ich wohne da. Die 419. Vielleicht besuchen Sie mich auch einmal. Aber beeilen Sie sich, lang bin ich nicht mehr hier.“
Rosa öffnet den Mund, will sich gerade höflich verabschieden, doch Anni kommt ihr zuvor: „Den Vater können Sie gern mitbringen.“
Damit streckt sie Rosa die Hand entgegen, als wäre das hier eine Art stiller Vertrag.
***
„Ungenießbar“, schimpft ihr Vater sofort los, als Rosa das Zimmer betritt.
„Hallo Papa. Was denn?“
„Das Essen. Eine Unverschämtheit, bei dem was ich hier bezahle. Da machen sich ein paar Leute auf meine Kosten die Taschen voll.“
Heinz stochert mit der Gabel in etwas das aussieht wie Fleisch mit Soße, aber nach ausgetrockneter Pfütze riecht. Sie verzichtet darauf, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
„Das ist kein Essen“, brummt er weiter. „Das ist eine Zumutung.“
Rosa nimmt ihm den Teller weg und serviert ihm dafür ein Stück Kuchen. „Hier, schau mal. Apfelschmand, den magst du doch so gerne. Dann isst du halt heute nur Nachtisch.“
„Hmpf“, murmelt der alte Herr wenig begeistert und sieht zu, wie sie die Kaffeemaschine bedient. Rosa bemerkt, dass seine Augen schon wieder glasig werden. Er bekommt diesen abwesenden Blick.
„Erika hat mir schon wieder keine neuen Socken gekauft“, schimpft er.
In Rosa macht sich ein dumpfes Gefühl der Verzweiflung breit, verbunden mit einem schlecht getarnten Fluchtinstinkt. Was soll sie darauf antworten? Vielleicht: Sorry, dass Mama dich sockentechnisch so hängen lässt?
„Mama kann dir keine neuen Socken mehr mitbringen, Papa, sie ist tot“, sagt sie bemüht ruhig. Aber natürlich erreicht sie ihn schon nicht mehr. „Hier, schau mal.“ Sie öffnet die Strumpfschublade. „Da sind doch noch ganz viele neue Socken drin.“
„Die sind alle kaputt.“
„Nein. Die hier sind ja noch nicht einmal ausgepackt.“
Er sagt jetzt nichts mehr und ruckelt unruhig in seinem Sessel. Dann fängt er an, sich den Kuchen mit den Fingern in den Mund zu stopfen. Das erste Stück ist weg, bevor der Kaffee Zeit hatte durchzulaufen.
„Papa, musst du auf die Toilette?“
Er nickt.
„Dann drück den roten Knopf.“
Er nickt wieder.
Rosa drückt den Knopf und versucht weiter ruhig zu bleiben. Es ist wie ein verzweifeltes Ritual: Der Druck auf den Knopf, und dann die Hoffnung, dass jemand kommt. Ihr Vater ist zwar nur noch Haut und Knochen, aber er ist groß und ohne jede Körperspannung. Sie schafft es nicht mehr, ihn auf die Toilette zu heben. Außerdem bezahlen sie ein Heidengeld dafür, dass man sich hier genau um diese Dinge kümmert.
Sie holt einen Waschlappen, säubert ihm Hände und Gesicht. „Geht’s noch?“
Er leckt den leeren Teller ab.
„Hast du eine Windel an?“
Sein Blick trifft ihren.
„Papa? Hast du eine Windel an.“
Jetzt fletscht er die Zähne.
„Papa!“
Sie fasst ihm in den Schritt, er schlägt ihr auf die Hand.
„Du hast eine Windel an.“
„Nein.“
„Doch, du alter Scheißer.“
Er knurrt und Rosa schaut auf die Uhr. Zehn Minuten. Fünfzehn. Nichts. Von irgendwo das Geräusch eines runterfallenden Tabletts. Zwanzig Minuten später sind sie immer noch allein und Rosa sieht – Windel hin oder her – dass sich ein dunkler Fleck in seiner Hose ausbreitet.
„Erika hat mir keine neuen Socken gekauft.“
„Papa, es gibt hier keinen verdammten Sockennotstand, wir haben andere Probleme“, seufzt sie und reibt sich die Stirn. Langsam aber sicher bekommt sie Kopfschmerzen. Sie läuft ins Bad, holt ein Handtuch und schiebt es unter den Fleck.
Endlich wird die Tür geöffnet. Ein junger Mann steckt den Kopf rein. „Was gibt‘s?“
Rosa findet, dass er aussieht wie jemand, der sich mindestens genauso wünscht, woanders zu sein, wie sie selbst.
„Wir haben vor über zwanzig Minuten geklingelt.“
„Sorry, ist viel los.“
Sie zeigt auf den Fleck. „Er hat sich die Hosen nass gemacht.“
Der Pfleger hievt Heinz mit einer geschickten, fast fließenden Bewegung vom Sessel auf sein Bett. Immer noch ohne Lächeln, aber mit einer Sicherheit, die Rosa Respekt abringt. Ihrem Vater nicht. Er brüllt den Mann an: „Die Regierung ist an allem schuld. Früher hätte es das nicht geben.“
Früher, Papa, würde Rosa gerne sagen. Früher hast du dich über Menschen beklagt, die die Politik für ihre persönliche Unzufriedenheit verantwortlich gemacht haben, statt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
„Du Taugenichts!“, schreit er. „Du Erbschleicher!“
„Jetzt halten Sie endlich mal die Klappe“, brüllt der Pfleger zurück. „Sonst können Sie hier in Ihrer Pisse liegenbleiben.“
Rosa zieht empört Luft ein. Sie will ihm schon eine gepfefferte Antwort geben, aber da hört der Widerstand ihres Vaters so schlagartig auf wie er gekommen ist. Ist Brüllen jetzt der neue Code? Die einzige Sprache, die er noch versteht?
Der Pfleger erledigt seine Arbeit routiniert, jeder Handgriff sitzt. Dann verabschiedete er sich mit einem bedauernden Schulterzucken. „Tut mir leid“, sagt er. „Aber wenn er so drauf ist, hilft nichts anderes.“
Ihr Vater ist inzwischen eingeschlafen. Sie deckt ihn zu, spült die Tassen, packt das übriggebliebene Kuchenstück in den Kühlschrank und macht endlich, was sie schon die ganze Zeit machen wollte: Sie flüchtet.
Unten in der Halle wird sie von der Frau am Empfang aufgehalten. Constanze Landauer steht auf dem Namensschild an ihrer Brust. „Hallo, Frau Mayen“, ruft sie und einmal mehr muss Rosa sich über das gute Namensgedächtnis wundern.
„Ich habe hier etwas für Sie.“ Mit einem Lächeln gibt sie Rosa einen Umschlag. Aber es ist das typische Lächeln einer Botin mit schlechten Nachrichten.
***
Im Auto seufzt Rosa tief. Die Besuche im Pflegeheim nehmen sie von Mal zu Mal mehr mit. Der stetige Verfall ihres Vaters, die Gerüche dort, die ganze Hoffnungslosigkeit. Manchmal wünscht sie sich einfach, dass jemand sie mal in den Arm nimmt und sagt: Du musst das nicht alles allein schaffen. Aber da ist niemand. Weit und breit kein Prinz in Sicht.
Sie steckt sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und öffnete das Kuvert. Natürlich. Ein neuer Kostenvoranschlag mit angepassten Leistungen. Die nächste Keule. War ja zu erwarten. Ihre Zustimmung vorausgesetzt, erhält ihr Vater statt Pflegestufe drei jetzt Pflegestufe vier, also rund 500 Euro, die die Pflegekasse mehr bezahlt. Und trotzdem erhöht sich die Eigenleistung für dieses Schnäppchen noch um weitere 200 Euro. Das muss ihr erst einmal jemand erklären. Erst im zweiten Absatz wird erklärt, dass sich auch die Lohnkosten erhöht haben.
Dabei ist das Zimmer ihres Vaters weiß Gott kein Luxusdomizil, eher eine Zelle: Ein Bett, ein Schrank, drei Plastikstühle im Holzlook und ein winziger Tisch. Sie hat ihm zwar noch einen bequemen Sessel und einen Fernseher besorgt, aber damit sind die räumlichen Kapazitäten auch schon ausgeschöpft. Der Preis hat es trotzdem in sich, denkt Rosa. Sie atmet pfeifend aus. Wer kann das denn noch bezahlen? Sie wird es nicht können, wenn sie einmal an der Reihe ist. Und die Lebensversicherung, die ihr Vater vor einigen Jahren ausgezahlt bekam, wird auch nicht mehr lange reichen. Sie überschlägt im Kopf wie lange noch. Maximal ein Jahr. Dann wird sie staatliche Unterstützung beantragen müssen.
Rosa setzt ihre Unterschrift an die vorgegebene Stelle, steckt das Papier zurück in den Umschlag und steigt wieder aus. Dem Pflegeheim ist sowieso egal, wer bezahlt. Hauptsache es läuft.
***
Drinnen legt Rosa das Kuvert auf den Tresen. „Da bin ich schon wieder“, sagt sie.
Frau Landauer reagiert nicht, sie starrt an ihr vorbei auf ein Paar, das durch die Halle läuft.
„Hallo?“
Ein verwundertes Blinzeln, als wäre sie gerade ganz weit weg gewesen.
„Hier. Ich hab schon unterschrieben“, erklärt Rosa.
„Oh, Frau Mayen. Tut mir leid, ich ….“ Die Frau nimmt das Kuvert. „Das ging ja schnell. Danke.“
„Ich dachte, ich erledige das gleich, dann geht’s nicht vergessen.“
Ein abwesendes Nicken und der Blick wandert wieder zu dem Paar. Aber so leicht will Rosa sich jetzt nicht abspeisen lassen. Für 200 Kröten, die ihr Vater jetzt mehr berappen muss, darf sie wohl etwas Aufmerksamkeit verlangen.
„Kann ich Sie noch etwas fragen?“
Keine Reaktion.
„Frau Landauer? Hallo?“
„Was? Äh, ja, selbstverständlich. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich hab da gerade was von erhöhten Lohnkosten für das Pflegepersonal gelesen.“
„Ja?“
„Mal ganz ehrlich: Kommt das Geld denn wirklich auch da an?“
Endlich ist die Frau wieder ganz bei ihr. „Natürlich, ja.“
„Na, das freut mich aufrichtig“, grinst Rosa. „Da haben Sie ja dann wenigstens auch was davon.“
„Ich leider nicht, nein. Ich arbeite in der Verwaltung, nicht in der Pflege. Nicht mehr.“
Rosa spürt einen kurzen Stich der Verlegenheit. Ihre Bemerkung war eigentlich scherzhaft gemeint, jetzt ärgert sie sich über ihre Flapsigkeit und fragt sich, ob sie nicht mal wieder zu weit gegangen ist. Doch der Blick von Frau Landauer bleibt ruhig, ihre Stimme sachlich. Kein Anflug von Gekränktsein, kein beleidigter Unterton – nur diese einfache Feststellung: Ich leider nicht, nein.
In Rosa breitet sich ein Gefühl aus, das ihr ganz fremd ist: Sie hat sich im Ton vergriffen, war vorlaut, aber ihr Gegenüber nimmt es überhaupt nicht übel. Das ermutigt sie, gleich noch eine Frage zu stellen. „Oben, also auf der Etage von meinem Vater … mir ist aufgefallen, dass da mindestens fünf Zimmer leer stehen. Wie kann das sein?“
Frau Landauer hebt gekonnt eine Augenbraue. Etwas, das Rosa noch nie konnte, die Augenbrauen unabhängig voneinander bewegen. „Was meinen Sie?“
„Naja, wäre es denn nicht irgendwie cleverer, die Kosten etwas niedriger anzusetzen und statt leerer Zimmer ein richtig volles Haus zu haben?“ Rosa lacht schief, als wollte sie sich selbst ein bisschen auf die Schippe nehmen. Aber es interessiert sie wirklich.
„So einfach ist das leider nicht. Die Fixkosten fallen ja trotzdem an. Und wenn mehr Leute einziehen, dann brauchen wir auch mehr Personal – was wiederum mehr Geld kostet. Außerdem – woher nehmen? Es wird immer schwieriger gute Pflegekräfte zu finden.“
Rosa nickt betreten. Das hatte sie gerade nicht auf dem Schirm, aber klar. Mehr Bewohner heißt ja nicht automatisch weniger Probleme. Oft sogar mehr.
Wie wird das alles einmal sein, wenn sie selbst an der Reihe ist? Das will Rosa sich gar nicht erst vorstellen.