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Boomerang – Zurück auf Los

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Prolog: 

Rosa sitzt auf der Bank vor dem Pflegeheim und sehnt sich nach einer Zigarette. Sie weiß, dass sie aufstehen sollte, ihr Vater wartet drinnen. Oder besser: sein Körper wartet. Der Mensch, der er einmal war, ist längst irgendwo anders. Weggedämmert, ausgelöscht, weichgespült von all den Medikamenten und Jahren.
Ein paar Kilometer weiter hilft Conni ihrem kranken Mann beim Duschen. Vierzig gemeinsame Jahre, drei davon glücklich, fünf leidlich, der Rest eher ein Arrangement. Liebe ist schon lange nicht mehr im Spiel, es ist eher eine Art von gegenseitigem Einverständnis. Und selbst das ist inzwischen kaum noch zu spüren.
Beide Frauen sind zu alt, um noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Aber auch noch zu jung, um sich mit dem abzufinden, was das Leben ihnen vorschreibt.
Was sie noch nicht wissen: Sie werden sich bald begegnen. Und ab da wird es nicht leichter – aber anders.
Manchmal beginnt eine neue Geschichte genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

1. Kapitel

Rosa

Der Leihwagen sieht aus wie aus dem Prospekt: Außen keine Kratzer, innen keine zerknüllten Papiertaschentücher oder leere Wasserflaschen. Dafür jede Menge technischer Schnickschnack und chromglänzende Sauberkeit. Kein Vergleich zu ihrem eigenen Auto, in dem es immer ein bisschen nach einer Mischung aus kaltem Zigarettenrauch und dem Geist der letzten Currywurst riecht.
Beim Gedanken an ihren alten Mini wird Rosa schon wieder ganz mulmig zumute. Der Wagen hat in letzter Zeit Geräusche gemacht, die an ein krankes Tier erinnern. Beängstigende Töne, deren Behebung, nach dem Blick des Automechanikers zu urteilen, nicht ganz billig werden dürfte.
Rosa schiebt den Gedanken zur Seite und schnallt sich an. Sorgen kann sie sich auch noch machen, wenn der Totalschaden offiziell ist. Jetzt ist erst einmal Eile angesagt. Es ist zwanzig vor Acht und um punkt acht steht ein Video-Call auf dem Plan. Im Moment hängt da ihre einzige reelle Chance auf einen Auftrag dran, der ihre Finanzen für diesen Monat retten könnte.
Entschlossen drückt Rosa auf den Startknopf und wartet, dass der Wagen ihr seine Bereitschaft signalisiert. Er bleibt stumm. Noch ein Versuch. Keine Reaktion. Okay. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Was hat der Typ gestern Abend gesagt, als sie das Auto abgeholt hat: Legen Sie den Schlüssel einfach in die Konsole und drücken Sie auf Start. Der Schlüssel liegt in der Konsole, sie drückt auf Start, zum dritten Mal, der Motor macht keinen Mucks.
Ruhig bleiben, beschwört Rosa sich selbst. Es gibt bestimmt eine ganz einfache Erklärung. Es gibt immer eine. Finde den Fehler. Falscher Schlüssel? Falscher Knopf? Scheidet beides aus. Falsche Erinnerung? Mag sein, aber eine andere hat sie nicht.
Sie schaut auf ihr Handy. Die Uhr tickt.
Und jetzt? Früher war ihr Vater die erste Adresse bei Autoproblemen. Heute ist Heinz 88 und dement, am Telefon nennt er sie regelmäßig Erika, dabei ist ihre Mutter seit Jahren tot. Man weiß bei ihm schon lange nicht mehr, was als Nächstes verloren geht: die Erinnerung an das letzte Frühstück oder der Name seiner einzigen Tochter.
Bleibt Ben. Ihr siebzehnjähriger Sohn ist ein Auto-Freak. Aber natürlich geht er nicht ran. Früher wollte er sie heiraten, heute will er nicht mal mehr mit ihr telefonieren. Seit Tagen ignoriert er ihre Anrufe. Nur die blauen Haken hinter ihrem Wo bist du??, lassen die Interpretation zu, dass er überhaupt noch lebt.
Rosa ist es völlig schleierhaft, wie aus diesem süßen Lockenkopf von einst innerhalb so kurzer Zeit ein derart wortkarges Pubertier werden konnte. Ein Hoody-Monster, das sich unter seiner Kapuze versteckt und nur noch nach Hause kommt, um den Kühlschrank zu plündern oder sie um Geld anzubetteln.
Mit einer vorsichtigen Bewegung, drückt sie ein viertes Mal auf den Startknopf. Natürlich umsonst. Und jetzt?
Sehnsüchtig schielt Rosa auf ihre Handtasche. Seit Silvester raucht sie nicht mehr, aber sie hat das letzte angefangene Päckchen aufgehoben. Der letzte Rest vom Rest. Für den Notfall. Ist das ein Notfall?
Sie steigt aus und lehnt sich gegen das glänzende Auto. Wäre zu schön, diesen Moment einfach mal mit allen Sinnen zu genießen. Sich ohne Zeitdruck die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und kein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Aber schon während sie sich mit schlechtem Gewissen eine Zigarette anzündet und drei- viermal tief inhaliert, sagt ein Blick auf die Uhr, dass es beim frommen Wunsch bleiben wird: Es ist inzwischen zwölf Minuten vor acht. Wenn jetzt kein Wunder geschieht, und wer glaubt schon an Wunder, dann wird sie zu spät zu ihrem Video-Call kommen. Und wenn sie dann noch Pech hat, wird sie ein neues, ziemlich schwerwiegendes Problem haben: Nämlich den Verlust des einzig lukrativen Auftrags seit Wochen.
Mit einem tiefen Seufzen drückt Rosa die Zigarette aus und lässt sich auf den Autositz fallen. Der stechende Schmerz in der Hüfte, der sie an den längst fälligen Gang zum Orthopäden erinnert, wird stoisch ignoriert. Mit angehaltenem Atem drückt Rosa zum x-sten Mal auf den Startknopf und hält dabei die Luft an. Immer noch nichts. Aus Frust wird Wut. Sie schlägt auf das Lenkrad. „Du verdammte Scheißkarre!“
„Ihnen auch einen guten Tag“, sagt eine sonore Stimme neben ihr. Rosa dreht den Kopf. Der Mann, zu dem die Stimme gehört, schaut durch das offene Fenster auf sie herunter. Sie registriert graue Haare, Sonnenbrille und blendend weiße Zähne. Was die gekostet haben, lässt sich nur ahnen. Der Kostenvoranschlag von ihrem Zahnarzt für ein einziges Backenimplantat lag bei 3.000 Euro.
„Sie waren nicht gemeint“, murmelt sie.
„Sehr beruhigend. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
Dreißig Jahre früher vielleicht, denkt Rosa. Aber sie ist 58, der Zug ist abgefahren. Erst neulich hat sie gelesen, dass die Jahre zwischen 50 und 70, die ungünstigsten im Leben einer Frau sind. Man ist zu alt, um als Frau wahrgenommen zu werden und zu jung, um auf einen Altersbonus zu hoffen. Die Jahre zwischen dreißig und fünfzig dagegen sollen die besten sein. Nur schade, dass ihr das zu gegebener Zeit niemand gesagt hat.
„Hallo? Ist alles in Ordnung?“ Der Man beugt sich nach unten.
„Ja.“ Sie schiebt sich eine Strähne aus dem Gesicht und wagt jetzt doch ein Lächeln. „Es ist nur, äh, der Wagen springt nicht an.“
„Steht die Kupplung auf P?“
„Natürlich.“ Denkt er denn, sie ist senil?
„Und haben Sie den Fuß auf der Bremse?“
„Oh.“ Sie ist senil. „Äh, nein, es ist ein Leihwagen, meiner ist in der Werkstatt, ich hab …“
Er hebt die Hand, ist schon am Gehen. „Bei Automatik immer schön die Bremse treten beim Start.“
„Danke, du Schlaumeier“, brummt sie ihm hinterher und schaut erneut auf die Uhr. Sie hat noch acht Minuten. In Windeseile bugsiert sie sich aus der Parklücke und fädelt sich in den nicht vorhandenen Verkehr ein. Von irgendwo ertönt ein lautes Piepen. Was zur Hölle …? Rosa zuckt zusammen und sieht sich hektisch um. Das Piepen hält an, nervig und schrill. Dann ploppt auf dem Display eine Nachricht auf: Bitte bleiben Sie in der vorgegeben Spur. Sie lenkt nach rechts, es wird still. Sie lenkt nach links, es piept. Was soll das? Hier ist weit und breit kein anderes Auto zu sehen. Auch kein Radfahrer oder Fußgänger, nicht einmal ein Igel. Der Wagen wird ihr immer suspekter. Dabei hat sie gestern Abend sogar für einen kurzen Moment darüber nachgedacht, ob sie sich die Leasingrate vielleicht doch leisten kann. Das war, als ihr der Werkstattmeister voller Begeisterung all die fancy Features runtergerattert hat. Mit der App können Sie den Wagen bequem schon eine viertel Stunde vor dem Losfahren vorheizen.
Wow, wie aufregend, denkt Rosa jetzt. Genau das, was sie gerade braucht: eine vorgeheizte Blechkiste bei zwanzig Grad und Sonnenschein, schon morgens um acht. Sie drückt auf den Fensterheber. Seit Wochen makellos blauer Himmel und Temperaturen wie im Hochsommer. Dabei ist es erst Anfang Mai, der Sommer hat noch nicht einmal richtig angefangen.
Im Radio kommen die Acht-Uhr-Nachrichten. Bomben im Gazastreifen, Probleme im Finanzierungsplan der neuen Regierung und kein Regen in Sicht. Rosa dreht den Ton weg und versucht, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Aber ihre Gedanken wandern immer wieder zu ihrem Termin. Sie tritt aufs Gas und wird von einem kurzen grellen Licht geblendet. Mist! Sie hat den Blitzer vergessen. Dabei steht der seit Monaten an der gleichen Stelle. 60 Euro, das weiß sie noch vom letzten Mal. Doch bevor neuer Ärger hochkochen kann, klingelt ihr Smartphone und Rosa schaltet schnell in den Business-Modus. „Mayen, Agentur Zielgenau, guten Morgen.“
„Asar hier. Ich meine mich zu erinnern, dass wir um acht einen Videocall hatten?“
„Ich weiß.“ Rosa zwingt sich zu einem Lächeln, das ihr Kunde natürlich nicht sehen kann. „Entschuldigen Sie, Herr Asar. Ich bin gleich da. In fünf Minuten. Ich hatte nur ein kleines technisches …“
Bei dem Wort technisches zieht ein Polizeiwagen an ihr vorbei. Shit. Reflexartig lässt Rosa das Handy fallen, Sekunden später gehen die blauen Lichter an. Perfekt.
„Frau Mayen?“ kommt es dumpf vom Boden. „Was um alles …“
Sie drückt hastig auf den roten Hörer und schiebt ihren Fuß aufs Smartphone, bevor sie das Fenster ganz öffnet.
„Guten Tag, junge Frau“, sagt der Polizist. „Haben Sie gerade telefoniert?“
„Ich? Äh, nein.“
„Würden Sie bitte aussteigen?“
„Hören Sie“, sagt Rosa und schiebt das Handy mit dem Absatz unter ihren Sitz. „Ich hab’s wirklich eilig, ich habe einen sehr wichtigen Termin …“
„Aussteigen“, wiederholt der Gesetzeshüter ohne jede Regung.
Na schön. Rosa arbeitet sich aus dem Sitz, während der Mann schon seinen Blick über die Mittelkonsole und den Boden schweifen lässt.
„Darf ich bitte Ihre Handtasche sehen?“
„Was?“
„Die Tasche bitte.“
Empört sieht Rosa zu, wie der Inhalt (zwei gebrauchte Papiertaschentücher, ein Brillenetui, ihre Geldbörse, eine Probetube mit Sonnencreme, Lippenstift, drei Büroklammern, vier Kassenbelege und ihr Notizheft) auf der Motorhaube landet.
Der Polizist runzelt die Stirn. „Tut mir leid, da habe ich wohl was falsch gesehen.“
„Schon gut“, murmelt Rosa, zu erleichtert, um sich noch weiter zu empören. „Sie tun ja auch nur Ihre Pflicht.“
Sie steigt wieder ein und … ihr Handy klingelt.
Ein vorwurfsvoller Blick von oben. „Und was ist das?“
„Äh, das ist mein Geschäftstermin.“
Ohne eine Miene zu verziehen, schreibt der Mann etwas auf seinen Block und reicht ihr den Zettel. „100 Euro. Und seien Sie froh, dass ich Sie nicht noch wegen arglistiger Täuschung belange. Möchten Sie gleich bezahlen?“
Zerknirscht nimmt Rosa zwei Fünfzigeuroscheine aus dem Portemonnaie und reicht sie aus dem Fenster.
„Hat der Wagen keine Freisprechanlage?“
„Doch, aber …“ Das Telefon beginnt erneut zu klingeln. „Ist nur ein Leihwagen.“
„Solange Sie hier stehen, dürfen Sie telefonieren.“
„Danke.“ Sie zwingt sich zu einem Lächeln.
„Einen schönen Tag noch.“
Rosa macht sich für die nächste Runde bereit.
„Das ist unerhört.“, poltert Herr Asar sofort los. „Was fällt Ihnen eigentlich ein?“
„Herr Asar, entschuldigen Sie bitte vielmals, ich hatte ein kleines Problem, aber jetzt bin ich …“
„Ihre Probleme interessieren mich nicht, verstehen Sie. Den Auftrag können Sie streichen.“
Er legt auf und Rosa lässt das Handy langsam sinken. Natürlich. Perfektes Timing. Alles läuft mal wieder wie am Schnürchen. Hundert Euro für nichts, dazu die Strafe für zu schnelles Fahren und jetzt auch noch ein geplatzter Auftrag, der ihr den Monat gerettet hätte. Das ist eindeutig ein Tag für die Tonne.
Das Problem dabei ist: Solche Tage häufen sich inzwischen. Ihr ganzes Leben läuft so unrund wie ihre uralte Waschmaschine im Schleudergang. Dabei hat Rosa vor wenigen Jahren noch davon geträumt, mit Mitte sechzig einmal auszusteigen und auf den Malediven Cocktails am Pool zu schlürfen. Aber dieser Traum ist seit der Pandemie in weite Ferne gerückt. Die einst so stolzen Ersparnisse sind Geschichte, die Aufträge bleiben aus und der letzte Rest ihres zukünftigen Erbes fließt Monat für Monat für Monat ungebremst auf das Konto des Betreibers, in dessen Pflegeheim ihr Vater seit zwei Jahren lebt. Und das Schlimmste daran: Sie hat keinen Plan B. Sie kann einfach nur weitermachen und auf ein Wunder hoffen.
Aber wenigstens springt der Wagen jetzt ohne Murren an. Ohne Eile lenkt Rosa sich durch den Morgenverkehr. Auf dem kleinen kostenfreien Parkplatz am Stadtrand lässt sie den Blick über die Reihen aus Blech schweifen. Rappelvoll. Natürlich. Auch das passt ins Bild. Sie setzt zum Wenden an, doch da sieht sie aus dem Augenwinkel einen Kleinwagen, der rückwärts aus einer Lücke rollt. In Windeseile reißt sie das Steuer herum. Zu spät. Eine Golf-Fahrerin ist schneller.
Empört bleibt Rosa in ihrem Wagen sitzen und starrt die Frau böse an. Die steigt aus, pflückt einen Löwenzahn und reicht ihn Rosa durchs offene Fenster. „Ist nicht böse gemeint“, sagt sie. „Aber ich gehöre noch zur arbeitenden Fraktion und sie finden doch bestimmt auch noch etwas anderes.“

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